Geschlechtergerechte Sprache: Wann, wo und wieso?

Von Schreibenden wird zunehmend verlangt, dass sie ihre Texte geschlechtergerecht formulieren. Das bereitet vielen Probleme. Mit diesen Problemen beschäftige ich mich in dieser Artikelreihe. Heute: Geschlechtergerechte Sprache: wann, wo und wieso?

Geschlechtergerechte Sprache: wo, wann und wieso?Von geschlechtergerechter Sprache kann man persönlich halten, was man will. Jedoch verlangen immer mehr Hochschul-Lehrkräfte von ihren Studierenden, ihre Texte geschlechtergerecht zu formulieren (bzw. zu „gendern“). Auch im beruflichen Kontext spielt die geschlechtergerechte Sprache eine große Rolle. Dort gelten das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und das Bundesgleichstellungsgesetz, welches verlangt, dass Texte die „Gleichstellungstellung von Frauen und Männern auch sprachlich zum Ausdruck“ bringen sollen, Wenn das nicht beachtet wird, droht eine Klage wegen Diskriminierung. Und das kann teuer werden.

Und selbst die Bibel gibt es seit längerem auch in geschlechtergerechter Sprache.

Doch wie funktioniert geschlechtergerechte Sprache? Was ist zu beachten, wenn Sie Ihren Text geschlechtergerecht formulieren wollen oder müssen? Und: Ist geschlechtergerechte Sprache nicht völlig unverständlich? Reicht es nicht, aus Gründen der Lesbarkeit ausschließlich männliche Formulierungen zu verwenden?

Mit diesen Fragen werde ich mich in dieser Artikel-Reihe beschäftigen. Ich werde Ihnen darstellen, wie Sie einen geschlechtergerechten Text formulieren können, der lesbar ist. Außerdem werde ich Ihnen Studien vorstellen, in denen die Wirkung geschlechtergerechter Sprache untersucht wurde. Sie werden eines merken: Es ist nicht schwer, einen geschlechtergerechten Text zu schreiben, der auch noch lesbar ist.

Geschlechtergerechte Sprache: Hintergrund und Hinweis in eigener Sache

Warum geschlechtergerechte Sprache? Der Grund dafür ist vor allem politischer Natur. Bereits seit den 1970er Jahren wird im gesamten deutschsprachigen Raum nicht nur um die politische, sondern auch um die sprachliche Gleichstellung von Männern und Frauen diskutiert (Braun et al., 2007).

An dieser Stelle ein kurzer Hinweis: Obwohl mir bewusst ist, dass Schreiben auch eine politische Komponente hat, ist der Textzähmer-Blog kein politischer Blog. Mit politischen Fragen werde ich mich an dieser Stelle nicht auseinandersetzen. Hier geht es auch nicht darum, wie ich persönlich zur geschlechtergerechten Sprache stehe, sondern, wie sie sprachlich umgesetzt werden kann. Diskussionen zu polemischen Begriffen wie „Genderwahn“ etc. sind unerwünscht. Darum geht es hier nämlich nicht.

Das generische Maskulinum

Im Deutschen wird traditionell die maskuline Form verwendet, wenn männliche und weibliche Personen gleichermaßen gemeint sind (Stahlberg & Sczesny, 2001). Dies wird auch als generisches Maskulinum bezeichnet. Um auszudrücken, dass maskuline Formen im Text für beide Geschlechter gelten, platzieren viele Personen am Anfang ihres Textes folgenden oder ähnlichen Hinweis:

„Zur besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit werden in diesem Text ausschließlich männliche Formen verwendet. Es sind aber immer beide Geschlechter gemeint“.

Doch dieses Vorgehen ist umstritten (Braun et al., 2007). Das liegt daran, dass in einigen Studien (z.B. Heise, 2000) nachgewiesen werden konnte, dass Formen des generischen Maskulinums dazu führen, dass viele Personen beim Lesen männlicher Formulierungen häufig stärker an Männer denken. Wenn sie beispielsweise von „Ärzten“ lesen, dann denken sie automatisch an Ärzte, und nicht an Ärztinnen.

Kritik an geschlechtergerechter Sprache

Einige Personen stehen der geschlechtergerechten Sprache kritisch gegenüber. Sie kritisieren, dass geschlechtergerecht formulierte Texte vom Gehirn schwerer zu verarbeiten sind, weil sie zumeist länger sind als Texte im generischen Maskulinum. Als Grund nennen sie eine höhere Belastung eines Teiles des menschlichen Arbeitsgedächtnisses, der „phonologischen Schleife“ (vgl. Seitz, 2017).

Auch die Lesbarkeit geschlechtergerechter Texte wird kritisiert. Und das ist berechtigt. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie schwer lesbar ein geschlechtergerechter Text sein kann. Eine Kostprobe aus einem österreichischen Schulbuch:

„Eine/r ist Zuhörer/in, der/die andere ist Vorleser/in. Eine/r liest den Abschnitt vor, der/die Zuhörer/in fasst das Gehörte zusammen.“ (hier gefunden)

Wie Sie Texte schreiben können, die nicht nur geschlechtergerecht, sondern auch lesbar sind, werden Sie in einem der folgenden Artikel erfahren.

Geschlechtergerechte Sprache: wo und wann?

In zahlreichen Kontexten kommt es nicht darauf an, ob Sie Ihren Text geschlechtergerecht formulieren wollen, sondern dass sie es müssen.

Ein Beispiel ist das Studium. Stellen Sie sich vor, Sie studieren Soziale Arbeit. Ihre Dozentin verlangt von Ihnen, Ihre Hausarbeit geschlechtergerecht zu formulieren. Wenn Sie das nicht machen, laufen Sie Gefahr, eine schlechte Note zu erhalten oder auf einmal als Sexist diffamiert zu werden. Sie stehen also unter einem doppelten Druck: einem Leistungsdruck und einem sozialen Druck.

Dass Ihre Dozentin von Ihnen einen geschlechtergerechten Text verlangt hat vor allem einen Grund: einen wissenschaftssoziologischen. Schließlich sind Ungleichheit und Diskriminierung und deren Vermeiden grundlegende Themen der Sozialen Arbeit, auch in ihren Texten. Sie gehören zur Identität des Faches. Einen solchen Text nicht geschlechtergerecht zu formulieren wäre also ein Verstoß gegen fachliche Konventionen. Ähnliches gilt für die Sozialwissenschaften. Doch nicht in allen Fächern werden geschlechtsneutrale Texte verlangt. Zum Beispiel in den Natur- und Ingenieurswissenschaften. Und auch das liegt am Inhalt dieser Fächer. Polymere haben kein Geschlecht. Bosonen können sich nicht diskriminiert fühlen. Und Maschinen sind grundsätzlich weiblich. Es hängt also vom fachlichen Kontext ab, in dem Sie eine Haus- oder Abschlussarbeit schreiben.

Ein weiteres Beispiel ist der berufliche Kontext. Im Verwaltungsbereich kommen Sie um geschlechtergerechte Sprache nicht herum. Alles andere wäre ein Verstoß gegen das Bundesgleichstellungsgesetz. Auch für die private Wirtschaft gilt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das heißt, dass Sie Texte wie Stellenanzeigen auch geschlechtergerecht formulieren müssen. Wenn nicht, können Sie oder Ihr Arbeitgeber im schlimmsten Falle verklagt werden.

Fazit

Auch wenn Sie aus verschiedenen Gründen nichts von geschlechtergerechter Sprache halten mögen: In manchen Situationen werden Sie nicht darum herumgekommen. Das hat dann auch nichts mit „Genderwahn“ zu tun, sondern ist eine zweckrationale Handlung, die Sie ausführen müssen.. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich, Ihrer eigenen Haltung ungeachtet, mit ihr auseinandersetzen. Lesbare geschlechtergerechte Texte zu formulieren, ist eine schwierige Angelegenheit. Deshalb sollten Sie sich gut informieren, hier zum Beispiel.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Was halten Sie selbst von geschlechtergerechter Sprache?
  • Waren Sie schon einmal in einer Situation, in der Sie geschlechtergerechte Sprache anwenden sollten und nicht wussten, wie Sie das anstellen sollen?
  • Was bereitet Ihnen am meisten Probleme, wenn Sie versuchen, einen Text geschlechtergerecht zu formulieren?

Literatur

Braun, F., Oelkers, S., Rogalski, K., Bosak, J., & Sczesny, S. (2007). „Aus Gründen der Verständlichkeit …“: Der Einfluss maskuliner und alternativer Persönlichkeitsbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. Psychologische Rundschau, 58(3), 183-189. doi: 10.1026/0033-3042.58.3.183

Heise, E. (2000). Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis des generischen Maskulinums und seiner Alternativen. Sprache & Kognition, 19, 3-13. doi: 10.1024//0253-4533.19.12.3

Seitz, D. (2017). Arbeitsgedächtnis. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://portal.hogrefe.com/dorsch/arbeitsgedaechtnis/

Stahlberg, D., & Braun, F. (2001). Name your favorite musician: Effects of masculine generics and of their alternatives in german. Journal of Langnuage and Social Psychology, 20(4), 4, 464-469.

Bildnachweis

Summer Skyes 11 via CC BY 2.0

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