Rezension: Der Schreibzeitplan – Zeitmanagement für Schreibende

Dies ist eine Rezension des Buches „Der Schreibzeitplan“ von Christian Wymann (2015). Es eignet sich für alle, die viel zu tun haben und sich Zeit zum Schreiben nehmen müssen. Also fast alle.

Dies ist eine Rezension des Buches Der Schreibzeitplan von Christian Wymann. Im Bild: Das Cover.

Wer schreiben will, braucht dazu erst mal Zeit. Doch die muss man erst mal finden. Egal, ob im Studium, im Job oder in der Freizeit: Es ist immer viel zu tun und der Tag hätte idealerweise 42 Stunden. Wie kann man da noch Zeit zum Schreiben finden? Und wie kann man diese Zeit einteilen, um mit seinen Texten voranzukommen?

Eine Möglichkeit stellt Christian Wymann in seinem Buch Der Schreibzeitplan vor. Wymann richtet sich in diesem vorwiegend an eine akademische Zielgruppe: Studierende und „fertige“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch auch Personen, die nicht zu dieser Zielgruppe gehören, können sicher von diesem Buch profitieren, denn: Nur wenige haben viel Zeit.

In dieser Rezension werde ich zunächst den Kontext des Buches darstellen (1). Anschließend werde ich ausgewählte Teile des Inhaltes wiedergeben (2). Zum Schluss werde ich es mit einem Fazit einschätzen (3).

Kontext

Christian Wymann ist Schreibcoach und -Berater. Außerdem ist er promovierter Soziologe. Er betreibt einen lesenswerten Blog zum akademischen Schreiben Mind Your Writing, auf dem er seine Erfahrungen aus Schreibberatung und -Coaching teilt.

Der Schreibzeitplan wurde 2015 im Verlag Barbara Budrich in der Kooperationsreihe utb veröffentlicht.

Inhalt: Schritt für Schritt zum Zeitplan

„Warum will ich einen Schreibplan erstellen?“ Diese Frage, so Wymann (2015, S. 18), solle man zunächst für sich selbst beantworten (Kapitel 2). Es gehe darum, die eigene Motivation zu klären. Das Schreiben nach Plan sei eine neue Gewohnheit und jede neue Gewohnheit sei anfangs fordernd. Deshalb solle man sich selbst dazu verpflichten und diese Selbstverpflichtung verbindlich zu machen, zum Beispiel, indem man mit anderen Schreibenden eine Arbeitsgruppe bilde, in der jeder an seinem eigenen Schreibzeitplan arbeite.

Nachdem man seine Motivation geklärt und sich selbst verpflichtet habe, könne man mit dem Erstellen seines Schreibzeitplanes loslegen. Wie? Zunächst solle man einen Wochenplan aufstellen (Kapitel 2). Ein Wochenplan sei praktisch, weil er ein klares Arbeitsmuster vorgebe (S. 24). Es sei nicht wichtig, wie viel man an einem Tag schreibe, sondern dass man es überhaupt mache. Das Schreiben finde dann in sogenannten „Schreibsitzungen“ statt. Übrigens: Schreiben ist für Wymann nicht nur das Verfassen von Texten an sich, sondern der komplette Schreibprozess: Alles, was mit zur Vor- und Nachbereitung eines Textes notwendig sei. Das heißt auch Recherchieren und Strukturieren. Wann soll man schreiben? Wymann empfiehlt, die übliche Arbeitswoche von Montag bis Freitag und einen „normalen“ Arbeitstag von 8‑18 Uhr als Ausgangspunkt zu nehmen (S. 25).

Damit man in seiner Schreibzeit auch was zu tun habe, solle man anschließend seine Schreibaufgaben zu bestimmen (Kapitel 3: S. 38). Was sind Schreibaufgaben? Für Wymann sind Schreibaufgaben alles, wofür man Zeit zum Planen, Verfassen und Überarbeiten brauche (S. 39). Das kann also alles sein: Studienportfolios, Referate, Haus- und Abschlussarbeiten sowie ganze Bücher. Es versteht sich von selbst, dass manche Schreibaufgaben nur wenige Stunden oder Tage in Anspruch nehmen, andere aber mehrere Monate oder gar Jahre. Deshalb müsse man seine Schreibaufgaben danach richten, wie dringend sie zu erledigen seien. Jede längere Schreibaufgabe könne man auch in überschaubare Teilaufgaben gliedern. Man solle eine Liste erstellen, auf der alle Schreibaufgaben aufgelistet seien und sie an einem gut sichtbaren Ort aufhängen (S. 42).

Nachdem man seine Schreibaufgaben aufgelistet habe, solle man sich für jede Ziele setzen (Kapitel 4, S. 46). Diese Ziele sollten so kleinteilig sein, dass man sie in einer einzelnen Schreibsitzung erreichen könne. Man könne Ziele sowohl inhaltlich als auch quantitativ bestimmen. Bei inhaltlichen Zielen gehe es darum, woran man arbeiten wolle und welches Thema man sich vornehme. Bei quantitativen Zielen gehe es darum, wie viel man in einer Schreibsitzung schreiben wolle: Zeichen, Wörter, Absätze oder Seiten (S. 47f.). Außerdem sollte jedes Ziel auch erreichbar sein.

Nun sind Schreibzeiten, -Aufgaben und -Ziele definiert. Doch das ist für Wymann nur die „halbe Miete“: Der Schreibprozess und -Fortschritt müsse auch gemessen werden (Kapitel 5). So könne man kontrollieren, ob man seine Schreibziele erreicht habe. Außerdem könne eine solche Kontrolle motivierend wirken. Dazu solle man eine „Kontrolltabelle“ anlegen (S. 58). In diese Tabelle könne man unter anderem eintragen, an welcher Schreibaufgabe man gearbeitet, wie viele Wörter man geschrieben und ob man sein Schreibziel erreicht habe.

Der Schreibzeitplan ist fertig, was nun? Jetzt geht es um die Schreibumgebung (Kapitel 6). Eine ablenkungsarme und aufgeräumte Schreibumgebung sei wichtig, um mit den Schreibaufgaben voranzukommen (S. 68ff.). Gleichzeitig betont Wymann, dass man sich nicht zu sehr von seiner Schreibumgebung abhängig mache. Im Idealfall könne man überall schreiben, unabhängig von einem bestimmten Ort oder besonderen Materialien (S. 75)

Im nächsten Kapitel beschäftigt sich Wymann mit den psychologischen „Tücken“ der Schreibsitzung (Kapitel 7): Anfangssituationen, Selbstzweifel und ablenkende Gedanken beim Schreiben. Außerdem gibt er Tipps, wie man eine Schreibsitzung angemessen beenden kann und wann man Pausen einlegen sollte.

Auch das Thema „Selbstmotivierung“ hat einen Platz in Wymanns Anleitung (Kapitel 8). Wie kann man sich selbst motivieren? Für Wymann gibt es zwei mögliche Wege: Selbstbelohnung und Selbstbestrafung (S. 94ff.). Wann kann man sich selbst belohnen? Wymann nennt zwei Möglichkeiten: nach einer erfolgreichen Schreibsitzung oder nachdem man größere Meilensteine erreicht habe. Falls es einem nicht gelinge, sich durch Belohnungen selbst zu motivieren, gebe es noch die Möglichkeit der Selbstbestrafung (S. 96). Dabei könne man sich beispielsweise selbst etwas Angenehmes vorenthalten, wie nach der Schreibsitzung keinen Kaffee zu trinken oder nicht zu duschen.

Wie bei fast allem anderen im Leben gibt auch beim Schreiben und dem Erstellen eines Schreibzeitplanes immer wieder Gründe, es nicht zu machen. Doch für Wymann (S. 100) sind das häufig Ausreden. Mit diesen Ausreden beschäftigt er sich im darauffolgenden Kapitel (Kapitel 9). Das sind unter anderem der Einwand, man habe keine Zeit, einen Schreibzeitplan zu erstellen (S. 101). Außerdem entkräftet er den „Motivationsmythos“: Die Annahme, dass man nur schreiben könne, wenn man auch motiviert sei (S. 103). Es sind insgesamt fünf Ausreden, die er beschreibt und entkräftet.

Danach lädt Wymann zur Reflexion an (Kapitel 10): Man solle zurückblicken in die Zeit, in der man noch ohne Schreibzeitplan gearbeitet habe und sich an seinen Fortschritten erfreuen (S. 110).

„Und was, wenn alles nicht so läuft wie geplant?“ Mit dieser Frage beschäftigt sich Wymann im letzten Kapitel (Kapitel 11). Schließlich sei ein Plan keine Garantie dafür, dass etwas auch gelinge. Gerade beim Schreiben gibt es nämlich zwei Probleme: Aufschieben und Schreibblockaden. Wymann gibt Tipps, wie man mit beidem umgehen kann (S. 114ff.).

Der Schreibzeitplan: Fazit

Schreiben ist eine zeitintensive Tätigkeit und vielen fehlt diese Zeit. Schließlich beansprucht so ein Leben viel Zeit. Wymanns Buch ist eine kurze, praktische Anleitung, wie Schreibende Zeit zum Schreiben finden und nehmen können.

Der „Königsweg“ dabei ist, das Schreiben nicht als etwas „Übernatürliches“ zu sehen, für das man besonders viel Talent oder gar Genie braucht. Wymanns Ansatz ist gewohnheitsbasiert: Das Schreiben soll als Gewohnheit kultiviert und somit ein natürlicher Teil des Lebens werden.

Wymann ist in erster Linie Praktiker. Er erwähnt selbst, dass er das Buch absichtlich praktisch hält. Auf die theoretischen Hintergründe von Zeitplanung, Konzentration und Selbstmotivierung verzichtet er bewusst. Trotzdem ist nichts im Buch „aus der Luft gegriffen“.

Neben seiner praktischen Erfahrung bezieht sich Wymann auch auf viel einschlägige Fachliteratur. Am Ende eines jeden Kapitels gibt es Hinweise zum Weiterlesen über einzelne Inhalte.

Einen großen Teil im Buch nehmen Erfahrungsberichte ein, sowohl aus Wymanns eigener Schreibbiografie als auch von Personen, die er beraten hat. Das ermöglicht es den Lesern, sich selbst im Text wiederzufinden.

Wymanns Schreibstil ist stets höflich und respektvoll und auf eine angenehme Art distanziert und trotzdem einfühlsam. Seine Sprache ist frei von modernen und albernen Coaching-Platittüden nach dem Motto: „Wie der Schreibzeitplan Ihr Leben verändern kann – Sie werden es nicht glauben!“. Das heißt nicht, dass er nicht ab und zu ein wenig provoziert. Ein Beispiel:

„Welche Einwände Sie auch immer vorbringen, um nicht oder nicht zur geplanten Zeit schreiben zu können, in der Regel entpuppen sie sich als Ausreden. Sie wollen sich, ob bewusst oder unbewusst, damit nur vor potentiell unangenehmen Erfahrungen schützen“ (S. 107).

Das muss natürlich nicht bei jedem Menschen so ein, aber genau deshalb formuliert man solche Thesen auch bewusst provokant: Man will den Leser erst zum Widerspruch („Nein, ich doch nicht!“) und dann zum Nachdenken („Mhm … Vielleicht ist da doch was dran“) anregen.

Einen inhaltlichen Aspekt halte ich jedoch aus theoretischer Sicht für etwas bedenklich: Und zwar den Punkt der Selbstmotivierung, vor allem in Form von Selbstbelohnung. Belohnungen, auch Selbstbelohnungen, führen nämlich nur zu extrinsischer Motivation. Extrinsische Motivation durch Belohnung ist aber fragil: Wenn die Belohnung ausbleibt, dann ist auch die Motivation dahin. Im schlimmsten Fall kann Belohnung dazu führen, dass man etwas nur noch um der Belohnung willen macht. Man wird also belohnungssüchtig.

Ich bin der Meinung, dass man sein Leben so einrichten sollte, dass man nicht auf Belohnungen angewiesen ist, um handlungsfähig zu sein. Stattdessen sollte man sein Leben so einrichten, dass man alles um der „Sache willen selbst“ macht, sprich: Indem man nach intrinsischer Motivation strebt, statt nach extrinsischer und seine Handlungen zu einem Teil der eigenen Identität macht. Dann braucht man auch keine Belohnungen mehr, um handlungsfähig zu sein.

Doch dieser Punkt ist, aus meiner Perspektive, nicht nur Wymanns Buch, sondern an den meisten Büchern über das Schreiben anzulasten: Mir ist bisher noch kein Buch in die Hände geraten, in dem die Autorinnen und Autoren nicht zur „Selbstkonditionierung“ raten, die oft nicht mehr ist als „Selbstdressur“. Ich freue mich schon darauf, endlich eins zu entdecken.

Christian Wymanns Buch Der Schreibzeitplan: Zeitmanagement für Schreibende richtet sich in erster Linie an Schreibende in der wissenschaftlichen Ausbildung und Praxis: Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch es eignet sich auch für andere: Personen, die eigene Bücher schreiben wollen. Vor allem dann, wenn ihnen andere Schreibratgeber zu esoterisch und unsachlich sind. Nur unter einer Voraussetzung: Sie sollten Excel-Tabellen mögen …

Literatur

Wymann, C. (2015). Der Schreibzeitplan. Zeitmanagement für Schreibende. Opladen: Verlag Barbara Budrich.