Wie funktioniert Lesen? Ein Einblick in die Leseforschung

Wie funktioniert Lesen? Ziemlich gut. Doch wie genau? In dieser Artikelreihe gebe ich Ihnen einen Einblick in die psychologische Leseforschung: von den Augenbewegungen bis hin zur Worterkennung. Außerdem erfahren Sie, wie Sie diese Forschung nutzen können, um bessere Texte zu schreiben.

In dieser Artikelreihe gebe ich Ihnen einen Einblick in die Leseforschung. Im Bild: Eine Katze und ein Buch.

Lesen funktioniert. Sonst könnten Sie gar nicht das verstehen, was hier steht. Lesen funktioniert so gut, dass wir uns keine Gedanken darüber machen, wie es eigentlich funktioniert. Wir lernen es und denken dann nicht weiter darüber nach. Normalerweise. Denn manchmal denken wir dann eben doch über das Lesen nach. Vor allem dann, wenn wir viel lesen müssen, und zwar in kurzer Zeit.

Auf der Festplatte, im Regal und auf dem Schreibtisch sammeln sich dann nämlich die Texte, die wir noch lesen müssen. Dann denken wir plötzlich über das Lesen nach. Wir fragen uns:

Wie soll ich all das lesen?

Die nächste Frage ist dann oft:

Kann ich lernen, schneller zu lesen? Und wenn ja, wie?

Kurz: Wir denken über Optimierung und Effizienz nach. Wir wollen etwas besser machen als vorher, und zwar um etwas möglichst mühelos zu erreichen. Die Lösung scheint ganz einfach: Sie geben viel Geld für einen Speed-Reading-Kurs aus. Doch ist das überhaupt sinnvoll? Oder ist das Geld- und Zeitverschwendung? Auch damit werde ich mich in dieser Artikelreihe beschäftigen.

Das sind die Themen dieser Artikelreihe:

  • Warum sollte ich mich mit der Leseforschung beschäftigen? (Das erfahren Sie in diesem Teil. Spoiler: Es hat viel mit erfolgreicher Kommunikation zu tun.)
  • Wie nehme ich Zeichen, Buchstaben und Wörter wahr?
  • Wie erkenne und verstehe ich Wörter und Sätze?
  • Kann ich lernen, schneller zu lesen? Und wenn ja, wie? Und ist das überhaupt sinnvoll?

Doch es wird hier nicht nur um theoretische Aspekte gehen. Schließlich ist Lesen praktisch. Und: Wer schreiben will, muss auch lesen. Deshalb ist die zentrale Frage der gesamten Reihe:

  • Wie kann ich die Leseforschung nutzen, um bessere Texte zu schreiben?

Doch davor muss ich Sie überzeugen, sich mit der Leseforschung zu beschäftigen.

Warum es sich lohnt, Lesen zu verstehen

Warum sollten wir uns überhaupt damit beschäftigen, wie Lesen funktioniert? Reicht es nicht, es einfach zu machen? Und: Warum überhaupt denken? Das können doch auch andere machen. Die verdienen schließlich ihr Geld damit.

Sobald Sie für eine andere Person als sich selbst schreiben, lohnt es sich, zu wissen, wie Menschen lesen. Das liegt daran, dass Schreiben eine soziale Handlung ist. Wer schreibt, der will meistens damit auch etwas erreichen: überzeugen, Wissen präsentieren oder Absichten äußern. Damit das auch ankommt, ist es wichtig, dass die andere Person den Text auch versteht.

Im Gegensatz zum Sprechen können wir nämlich nicht wissen, ob die andere Person uns versteht. Wir müssen also unsere Worte weise wählen und die andere Person so durch den Text führen, dass sie sich darin nicht verläuft.

Schreibziele: Eindeutigkeit, Mehrdeutigkeit und Selbstdarstellung

Deshalb ist es wichtig, dass wir uns vorstellen können, wie andere Menschen lesen. Zumindest dann, wenn unser Ziel ein eindeutiger Text ist. Das ist nicht bei allen Texten so. Manche Texte sollen bewusst mehrdeutig sein.

Zum Beispiel Romane. Da kann Mehrdeutigkeit starke Effekte auf den Leser haben und ihm die Möglichkeit geben, den Text mit seinem eigenen Sinn zu füllen. Oder denken Sie an die Vernebelungstaktiken von Politikern oder Managern. Wenn ein Manager von „Freistellungen“ spricht, dann finden das manche Menschen vielleicht klasse. Schließlich steckt da Wort „frei“ darin. Und „frei“ ist ein tolles Wort. Doch in Wirklichkeit bedeutet „freistellen“ nichts anderes, als Menschen zu entlassen. Auch juristische Texte sind oft absichtlich mehrdeutig formuliert. Das sind sie, weil der Gesetzgeber mit mehrdeutigen Formulierungen Gerichten, Behörden und auch Bürgern zusätzliche Handlungsspielräume öffnen möchte.

Doch abgesehen von diesen Beispielen: Wer schreibt, möchte meistens auch verstanden werden. Dabei ist es egal, ob man ein Sachbuch, eine Haus– oder Abschlussarbeit oder einen Liebesbrief schreibt.

Wer schreibt, präsentiert aber auch sich selbst: sein Wissen, einen Teil seiner Persönlichkeit und auch, wie er zu der anderen Person steht. Wer einer anderen Person einen fehlerhaften und unverständlichen Text überreicht, zeigt damit auch: „Du bist mir nichts wert!“. Denn sonst hätte er oder sie sich ja Mühe gegeben, sich verständlich auszudrücken. Es sei denn, er oder sie kann sich nicht verständlich ausdrücken, weil es ihm oder mir aus verschiedenen Gründen gar nicht möglich ist. Zum Beispiel, weil er oder sie eine Leserechtschreibschwäche hat.

Deshalb lohnt es sich, zu wissen, wie Menschen lesen.

Ich hoffe, Sie sind noch da und überzeugt. Jetzt verschaffe ich Ihnen nämlich einen kurzen Überblick über die psychologische Leseforschung.

Die psychologische Leseforschung

Doch gleich vorweg: Der Begriff „psychologische Leseforschung“ ist natürlich verkürzt. Stattdessen ist die Leseforschung interdisziplinär, das heißt, mehre Wissenschaften sind gemeinsam an der Forschung beteiligt. Im Falle der Leseforschung sind das die (kognitive) Psychologie und die Linguistik, die Sprachwissenschaft. Oft wird dieser Bereich auch als Psycholinguistik bezeichnet – nicht zu verwechseln mit „Neurolinguistischem Programmieren“ (NLP), das ist nämlich Unsinn.

Die Linguistik trägt unter anderem Ihre Erkenntnisse über grammatische Regeln und Wortbedeutungen bei, das liegt nämlich nicht im Zuständigkeitsbereich der Psychologie. Die trägt vor allem ihre Forschungsmethoden bei – insbesondere die der experimentellen Wahrnehmungspsychologie, und zwar vor allem in Form der Blickbewegungsforschung (Eye Tracking). Aber auch Modelle und Theorien der kognitiven Psychologie werden angewendet, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Menschen denken und erkennen könnten.

Ansätze der Leseforschung

Radach, Günther und Huestegge (2012) nennen zwei Ansätze der Leseforschung:

  • Die psychometrische Leseforschung
  • Die experimentelle Leseforschung

Psychometrische Leseforschung

Hier werden mit Testaufgaben einzelne Facetten des Lesens gemessen und ihre Zusammenhänge untersucht (Radach, Günther & Huestegge, 2012, S. 185). Ein Beispiel dafür ist die Worterkennung. Damit lassen sich beispielsweise individuelle Leseleistungen diagnostizieren und die zukünftige Leseentwicklung vorhersagen. Das ist vor allem dann praktisch, wenn man herausfinden will, ob eine Person eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat.

Ein beliebter Test ist das sogenannte „rapid automized naming“ (RAN) nach Denckla & Rubel (1974). Dabei werden den Probanden Buchstaben, Zahlen, Bilder etc. gezeigt. Dann sollen sie so schnell wie möglich sagen, was sie gesehen haben: einen Buchstaben, eine Zahl oder ein Bild.

Das Problem dabei ist nur, dass man nicht so genau sagen kann, was mit solchen Testaufgaben eigentlich gemessen wird. Ist es die Fähigkeit, Buchstaben von Bildern zu unterscheiden oder etwas ganz anderes?

Außerdem kann man anhand der Testaufgaben nur messen, ob die Probanden die Aufgaben korrekt gelöst haben. Man kann aber nicht sagen, warum und wie. Sprich: Die Informationsverarbeitung beim Lesen kann nicht erklärt werden.

Experimentelle Leseforschung

Bei der experimentellen Leseforschung wird versucht, die Informationsverarbeitung beim Lesen zu erklären. Dabei sitzen die Versuchspersonen in einem Labor und müssen unter kontrollierten Bedingungen bestimmte Aufgaben lösen.

Es gibt zwei verschiedene experimentelle Vorgehensweisen (nach Radach et al, 2012, S. 185f.):

  • Reaktionszeitexperimente:
    • Hier werden den Versuchspersonen für sehr kurze Zeit einzelne Wörter oder Buchstaben gezeigt. Die Versuchspersonen müssen dann auf diese Wörter oder Buchstaben folgen so schnell wie möglich reagieren, beispielsweise, indem sie eine Taste drücken. Ein Klassiker: Den Versuchspersonen werden entweder sinnlose Buchstabenreihen oder einzelne Wörter gezeigt. Wenn sie ein Wort sehen, müssen sie auf die eine Taste drücken. Und wenn sie eine sinnlose Buchstabenreihe sehen, müssen sie auf eine andere Taste drücken. Dabei wird die Reaktionszeit gemessen.
      • So lässt sich beispielsweise messen, wie lange es dauert, bis Wörter erkannt werden.
  • Blickbewegungsexperimente:
    • Hier werden die Augenbewegungen der Versuchspersonen mit einem bestimmten Gerät aufgezeichnet, einem „eye tracker.“ Und zwar, während sie lesen. Das können einzelne Buchstaben, Buchstabenreihen, Wörter, Sätze oder ganze Texte sein, je nach Fragestellung und Experiment.
      • Diese Experimente ermöglichen eine genaue Analyse der Leseprozesse. Aber sie finden unter isolierten Versuchsbedingungen statt: Die Versuchspersonen sitzen vor einem Bildschirm, den Kopf auf eine Kinnstütze gestützt. Sie dürfen nicht blinzeln und nicht den Kopf bewegen, weil das die Daten verfälschen könnte. So lesen Menschen normalerweise nicht, ich laufe beim Lesen zum Beispiel immer in der Wohnung herum. Trotzdem ermöglicht das Vorgehen gerade durch diesen Versuchsaufbau, das „reine Lesen“ zu untersuchen.

Ich werde in dieser Artikelreihe den Schwerpunkt auf die experimentelle Leseforschung legen. Der experimentelle Ansatz ist für diese Artikelreihe nämlich deshalb geeignet, weil sich die Studienergebnisse leichter in die Praxis übertragen lassen.

Wie geht es weiter?

Im nächsten Artikel werde ich mich mit dem Anfang allen Lesens beschäftigen: dem Tanz der Augen beim Lesen. Also mit Augenbewegungen.

Literatur

Denckla, M. B., & Rudel, R. (1974). Rapid “automatized” naming of pictured objects, colors, letters and numbers by normal children. Cortex, 10(2), 186-202.

Radach, R., Günther, T., & Huestegge, L. (2012). Blickbewegungen beim Lesen, Leseentwicklung und Legasthenie. Lernen und Lernstörungen 1(3), 185-204. DOI: 10.1024/2235-0977/a000019

Bildnachweis

Pixabay (BibBornem)