Wissenschaftliche Texte lesen lernen: das Lesetagebuch

Lesen ist Leiden. Diesen Eindruck haben viele Studierende, wenn sie wissenschaftliche Texte lesen müssen. Sie stehen einem undurchdringlichen Wortdschungel gegenüber. In diesem Artikel beschreibe ich eine Methode, wie Sie sich einen Weg durch diesen Dschungel bahnen können: Lesenotizen.

Wissenschaftliche Texte lesen lernen mit dem Lesetagebuch. Im Bild: Ein Stapel von Notizbüchern.

Wissenschaftliche Texte sind Gebrauchstexte. Sie folgen Ihren ganz eigenen Regeln. Vor allem Studierenden zu Studienbeginn fällt es oft schwer, wissenschaftliche Texte zu lesen. In diesem Artikel stelle ich Ihnen eine Methode vor, wie Sie wissenschaftliche Texte lesen lernen können. Und das ohne Überfliegen („Speed Reading“).

Dabei handelt es sich um sogenannte Lesenotizen, die Sie in einem Lesetagebuch sammeln und  weiterverarbeiten. Anschließend können Sie Ihre Lesenotizen in einem digitalen Zettelkasten archivieren und mit anderen verbinden.

Wissenschaftliche Texte lesen lernen

Für Luhmann (2000) sind wissenschaftliche Texte häufig willkürlich formuliert. Bei ihnen handelt es sich um eine „Füllmasse“ (ebd.) von Wörtern. Und nur ein kleiner Teil dieser Masse ist bedeutsam.

Deshalb stehen Sie vor einer großen Herausforderung, wenn Sie einen wissenschaftlichen Text lesen: Sie brauchen die Fähigkeit, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem sowie Neuem und Altem zu unterscheiden.  Um diese Fähigkeit zu erlangen, müssen Sie im Prinzip das Lesen „neu lernen“. Doch wie?

Das Lesen neu lernen

Nach Luhmann (ebd., S. 153) gibt es drei Möglichkeiten, das Lesen wissenschaftlicher Texte zu lernen:

  1. Namen bzw. Theorien merken
  2. Zu verschiedenen Themen viel parallel lesen
  3. Lesenotizen machen

Diese Methoden werde ich in den nächsten Abschnitten näher beschreiben.

1. Namen bzw. Theorien merken

Eine Möglichkeit, wissenschaftliche Texte lesen zu lernen ist, sich Namen und Theorien zu merken. Sie lernen einfach alle möglichen Namen und Theorien auswendig, die Ihnen beim Lesen Ihrer Texte begegnen. Im Laufe der Zeit haben Sie so einen Überblick über wesentliche Inhalte wissenschaftlicher Texte. Sie verschaffen sich ein solides Überblickswissen.

Aber Sie lernen auf diese Art und Weise nicht, wie die Namen und Theorien zusammenhängen, Sie erhalten kein Gefühl für Begriffszusammenhänge. Auch die Probleme, die Texte behandeln, können so nicht gelöst werden.

2. Zu verschiedenen Themen viel parallel lesen

Eine weitere Möglichkeit ist, zu verschiedenen Themen möglichst viel parallel zu lesen. Sie suchen sich ein Thema aus und lesen alles, was Sie in der Bibliothek dazu finden. Im Laufe der Zeit entwickeln Sie so ein gutes Gefühl für Bekanntes.

Jedoch ist das, was in Lehrbüchern steht, häufig schon überholt, wenn Sie es lesen. Das müssen Sie dann wieder vergessen. Außerdem sind einige Themen dermaßen umfangreich, dass Sie wahrscheinlich nicht die notwendige Zeit haben werden, alles über sie zu lesen.

3. Lesenotizen machen

Für Luhmann (ebd., S. 155f.) ist das Anfertigen von Lesenotizen die beste Methode, um das Lesen wissenschaftlicher Texte zu lernen. In diesen Lesenotizen schreiben Sie das auf, was Sie gelesen haben. Und zwar so, wie sie es verstanden haben. Sie brauchen keine Angst davor zu haben, „Fehler“ zu machen. Ihre Lesenotiz ist nur für Sie selbst gedacht.

So können Sie im Laufe der Zeit ein Gespür für die Sinnzusammenhänge von Texten entwickeln. Außerdem lernen Sie, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden. Weil Sie Texte in „Ihre Sprache“ übersetzen, können Sie auch bald erkennen, welche Wörter lernenswert sind und welche nicht.

Ihr Lesetagebuch

Wie fertigen Sie Ihre Lesenotizen an? Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich finde, Lesenotizen machen Sie am besten mit der Hand. Auch, wenn Sie eine schlechte Handschrift haben. Wenn Sie Ihre Lesenotizen mit der Hand anfertigen, sind Sie weniger versucht, Ihr Geschriebenes zu „zensieren“. Sie werden nämlich versuchen, Ihre Notiz ständig umzuformulieren, wenn Sie am Bildschirm schreiben. Das trübt aber den Effekt der Methode.

Kaufen Sie sich am besten schon zu Semesterbeginn ein leeres Notizbuch. Und machen Sie zu allem, was Sie lesen, Lesenotizen.

Das Lesetagebuch: Schreibend lernen

Ein großer Vorteil des Lesetagebuches ist, dass Sie viel schreiben. Das ist gut, denn Schreiben ist eine Fähigkeit und Fähigkeiten lernen wir nur durch Übung. Wenn Sie ein Lesetagebuch führen, dann bleiben Sie ständig im „Schreibfluss“. Weil Sie sich bei Ihren Lesenotizen nicht bemühen müssen, „wissenschaftlich“ zu formulieren, können Sie ganz frei und ungezwungen formulieren. Auch „böse“ Wörter und „schlechter“ Stil sind erlaubt. So können Sie schon vor dem eigentlichen Texten üben, Ihre eigene „Schreibstimme“ zu finden.

Was mache ich mit den Lesenotizen?

Sie sollten sich einen Weg überlegen, Ihre Lesenotizen so aufzubereiten, dass Sie sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederverwenden können.  Beispielsweise können Sie Ihre Lesenotizen zu einem späteren Zeitpunkt „digitalisieren“. Dazu übertragen Sie Ihren Text in ein Textverarbeitungsprogramm und bereiten ihn weiter auf.

Einzelne Lesenotizen zum gleichen Thema können Sie zusammenfassen und mit Literaturangaben und eigenen Kommentaren versehen. So entsteht ein Exzerpt, das Sie beispielsweise für eine Hausarbeit benutzen können.  Dazu können Sie sich ein Schlagwortsystem ausdenken. Sie versehen jede aufbereitete Notiz mit einem Schlagwort und führen ein Schlagwortverzeichnis.

Es gibt auch Computerprogramme, die Sie zum Aufbereiten und Verknüpfen Ihrer Lesenotizen verwenden können. Ein Beispiel ist das Programm Zkn3 von Daniel Lüdecke. Dabei handelt es sich um einen digitalen Zettelkasten zum Archivieren Ihrer Notizen. Das Programm ist intuitiv benutzbar und Sie können es auch ohne eine Schulung oder ein Buch nach dem Motto „Zkn3 für Dummies“ anwenden. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, Ihre Texte nicht nur zu speichern, sondern sie auch in Form von Links miteinander zu verknüpfen. So, wie Sie es aus dem Internet kennen. Oder aus Ihrem Gehirn.

 Lesenotizen: Slow-Reading statt Speed-Reading

Es ist natürlich zeitlich aufwendig, ein Lesetagebuch zu führen und Lesenotizen aufzubereiten. Aber es hat einen großen Nutzen. Die Tätigkeit geht über reines monotones Lesen hinaus. Sie lesen anders. Sie lesen zielgerichteter. Durch das Übersetzen gelesener Texte trainieren Sie Ihr Gedächtnis. Wenn Sie Ihre Lesenotizen aufbereiten mit eigenen Kommentaren zum Text anreichern und anderen Notizen verknüpfen, setzen Sie sich viel intensiver mit dem Text auseinander, als wenn Sie ihn nur lesen würden. Psychologisch ausgedrückt erreichen Sie mehr Verarbeitungstiefe beim Lesen.

Das steht im Gegensatz zu einer anderen Lesetechnik: dem „Speed-Reading“. Dabei wenden Sie bestimmte Techniken an, mit denen Sie den Text systematisch „scannen“. So sollen Sie mehr Textinhalt „verstehen“, als beim langsamen Lesen. Und bei einigen, übersichtlich gestalteten, Texten mag das sicher funktionieren. Wenn die Texte jedoch sperrig formuliert oder gar in einer Fremdsprache verfasst sind, dann lassen die meisten „Speed-Reading“-Techniken Sie im Stich. Und dann lesen Sie nicht, sondern Sie überfliegen nur.  Von Verarbeitungstiefe ganz zu schweigen.

Fazit

Wissenschaftliche Texte lesen und verstehen ist schwer. Nach Luhmann (2000) liegt das vor allem daran, dass sie oft willkürlich formuliert sind. Es ist schwer, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Lesenotizen sind eine gute Methode, das Lesen wissenschaftlicher Texte zu lernen. Ihre Lesenotizen können Sie in einem Lesetagebuch sammeln und später weiterverarbeiten. Eine Möglichkeit dazu ist das Computerprogramm „Zkn3“.

Das Verfassen und Aufbereiten von Lesenotizen ist eine gute Möglichkeit, mehr Verarbeitungstiefe beim Lesen zu erreichen. Sie setzen sich intensiv mit dem Text auseinander und überfliegen ihn nicht bloß.

Reflexionsfragen

  • Wie gut können Sie wissenschaftliche Texte lesen und verstehen?
  • Was bereitet Ihnen Schwierigkeiten dabei, wissenschaftliche Texte zu lesen?
  • Welche Methode nutzen Sie, um wissenschaftliche Texte zu lesen?
  • Könnten Sie sich vorstellen, ein Lesetagebuch zu führen?
  • Wenn nicht, warum?

Literatur

Luhmann, N. (2000). Lesen Lernen. In ders., Short Cuts (150-157). Frankfurt/M.: Zweitausendeins.

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