Was ist guter Stil? Auf die Textsorte kommt es an!

In diesem Artikel nähere ich mich einer alten und wichtigen Frage an: Was ist guter Stil? Eine Antwort: Es kommt ganz darauf an! Stil hängt unter anderem davon ab, zu welchem Zweck und für wen wir einen Text verfassen. Dabei ist es wichtig, dass wir die richtige Textsorte wählen.

Was ist guter Stil? Das hängt vor allem von der gewählten Textsorte ab. Im Bild: Ein aufgeschlagenes Buch mit einem Zweig

Die Frage, was guter Stil ist, ist so alt wie das Schreiben selbst. Sie lässt sich aber nicht pauschal beantworten. Was guter Stil ist, hängt vor allem von der jeweiligen Textsorte ab.

In diesem Artikel beschreibe ich, was Textsorten sind. Dazu werde ich zunächst ein einfaches Textgattungsmodell vorstellen. Dann werde ich mit einem Beispiel verdeutlichen, dass „guter Stil“ je nach Textsorte, Scheibanlass und Zielgruppe unterschiedlich ist.

Ein einfaches Textgattungsmodell

Eins vorweg: Es gibt viele Möglichkeiten, Texte in verschiedene Literaturgattungen einzuteilen. Das ist eine Wissenschaft für sich, nämlich Literaturwissenschaft.  Für unser Vorgehen reicht es aber, Texte grob und pragmatisch in zwei Gattungen einzuteilen.

  • Poesie (durch Reim beziehungsweise Rhythmus in Versen „gebundene Rede“)
  • Prosa (Texte in „ungebundener Rede“, also ohne Rythmus oder Reim)

Die Gattung der Prosa lässt sich in drei Bereiche einteilen (Rechenberg, 2006). In diesen Bereichen können wir verschiedene Textsorten unterscheiden:

  • Künstlerische Prosa (Texte, in denen bewusst poetische Gestaltungsmittel benutzt werden. Beispielhafte Textsorten sind Romane, Novellen und Essays)
  • Sachprosa (Texte, in denen geschichtliche Ereignisse, politische und wirtschaftliche Probleme, aber auch wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen allgemeinverständlich dargestellt werden. Beispielhafte Textsorten sind Reportagen und Sachtexte zu bestimmten Themen)
  • Gebrauchsprosa (Texte, die in verschiedenen Bereichen zu bestimmten Zwecken verfasst werden. Beispielhafte Textsorten sind technische Dokumentationen, wissenschaftliche Texte, Werbetexte, Lehrbücher etc.)

Das ist nur eine grobe, idealtypische Einteilung. In der literarischen Realität sind die Grenzen und Übergänge zwischen den Bereichen und Textsorten oft fließend.

Es gibt beispielsweise Texte wie Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Das ist ein Roman, der sich an vielen Stellen zwischen künstlerischer Prosa und Sachprosa bewegt (und er ist eines meiner Lieblingsbücher). Zudem setzen auch Schreibende mancher wissenschaftlicher Texte oft bewusst poetische Gestaltungsmittel ein.

Auch Werbetexte bedienen sich zunehmend Elementen aller drei Bereiche. Zum Beispiel, wenn in Form von „Story Telling“ Geschichten erzählt werden, um ein Produkt zu bewerben. In vielen Werbetexten wird auch oft auf Elemente der Sach- und Gebrauchsprosa zurückgegriffen, nämlich dann, wenn „Content Marketing“ betrieben wird. Die Werbebotschaft wird dann in einen mehr oder weniger neutralen Sach- oder Fachtext eingebettet.

Die wesentlichen Unterschiede: Perspektive und Orientierung

Die wesentlichen Unterschiede zwischen den Bereichen liegen in der Perspektive und der Orientierung der Texte. Künstlerische Prosa ist in erster Linie personenorientiert und oft aus der Sicht eines fiktiven Erzählers verfasst. Sach- und Gebrauchsprosa hingegen sind sachorientiert. Gerade in der Gebrauchsprosa ist der Text zumeist nicht von einem fiktiven Erzähler, sondern von einer realen Person, einer Organisation oder einer Institution verfasst.

Gebrauchsprosa wird meistens verfasst, um ein bestimmtes rhetorisches Problem (Flower & Hayes, 1981) zu lösen. Ein technisches Produkt soll beschrieben, eine Dienstleistung verkauft oder eine Prüfungsleistung erbracht werden. Aber auch didaktische Texte sollen ein rhetorisches Problem lösen: In ihnen soll das Wissen der Schreibenden so präsentiert werden, dass ihre Zielgruppe es nutzen kann, um ihr eigenes Wissen zu konstruieren.

Was ist „guter Stil“?

Die Frage, was „guter“ Stil ist, lässt sich nicht für alle drei Bereiche und alle möglichen Textsorten pauschal beantworten. Es kommt ganz darauf an, in welchem Bereich Sie welche Textsorte schreiben wollen oder müssen.

 Ein Beispiel: Aktiv oder Passiv? Es kommt ganz drauf an!

Viele Stilratgeber warnen davor, das Passiv einzusetzen. Es lenkt zu sehr von den handelnden oder angesprochenen Personen ab. Ein Beispiel aus einem Geschäftsbrief:

„Die Rechnung muss bis zum 31.04.2017 bezahlt werden“.

Auf einige Personen kann eine solche Formulierung unverbindlich wirken. Sie fühlen sich nicht direkt angesprochen. Eine bessere Formulierung wäre:

„Bitte bezahlen Sie Ihre Rechnung bis zum 31.04.2017“.

Das ist eine viel direktere Formulierung. Sie sprechen die Person, die den Brief erhält, direkt an.

Das ist nur eines von vielen Beispielen, in denen es besser ist, aktiv statt passiv zu formulieren. Doch insbesondere in wissenschaftlichen Texten kommen wir oft um das Passiv nicht herum. Dazu ein Beispiel dafür, was in einem wissenschaftlichen Text als „schlechter Stil“ gelten würde:

„Nach diesem Modell kann der Forscher alle mit der Erwärmung und Abkühlung der Körper verbundenen Phänomene quantitativ behandeln. Er kann die Theorie der chemischen Reaktionen in das so geschaffene Schema zwanglos einordnen“ (Esselborn-Krumbiegel, 2014, S. 182).

In einem wissenschaftlichen Text würde ein solcher Abschnitt befremdlich wirken. Und das, weil es nicht um den Gegenstand an sich (das Modell und die Theorie), sondern um den einzelnen Wissenschaftler geht. Das heißt, dass der Akteur in diesem Text im Vordergrund steht. Der Text ist also personenorientiert formuliert. In einer Reportage über den Wissenschaftler kann das genau richtig sein, weil in einem solchen Text eher der einzelne Wissenschaftler im Vordergrund steht.

Doch in wissenschaftlichen Texten ist der einzelne Akteur in den meisten Fächern und Fällen nicht interessant. Aus wissenschaftlicher Perspektive sind vor allem Theorien und Ergebnisse interessant. Wissenschaftliche Texte sollten sachorientiert sein. Ein Beispiel für eine sachorientierte Umformulierung:

„Nach diesem Modell lassen sich alle mit der Erwärmung und Abkühlung der Körper verbundenen Phänomene quantitativ behandeln. Man kann die Theorie der chemischen Reaktionen zwanglos in das so geschaffene Schema einordnen“ (ebd., S. 183).

„Guter Stil“ hängt von Anlass, Bereich und Textsorte ab

Sie sehen: Die Frage, was „guter Stil“ ist, ist keine Frage nach „gut“ oder „schlecht“, sondern nach „angemessen“ oder „unangemessen“. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich vor dem Schreiben folgende Fragen stellen:

  • Was muss ich schreiben?
  • Für wen muss ich schreiben?
  • Wozu will ich schreiben?

In den meisten Texten stehen nicht wir als Schreibende im Vordergrund, sondern unsere Zielgruppe. Schreiben ist also meistens eine soziale und kommunikative Handlung. Es ist wichtig, dass wir unsere Zielgruppe kennen, damit die Kommunikation gelingt. Dazu benötigen wir Zielgruppenwissen.

Doch neben dem Zielgruppenwissen benötigen wir auch Textsortenwissen.

Textsortenwissen

Für Bräuer (2014, S. 256) ist Textsortenwissen „Wissen über Aufbau, kommunikative Funktion, zentrale Sprachhandlungsmuster und stilistische Besonderheiten einer Textsorte“. Das heißt, dass Sie sich mit der entsprechenden Textsorte auskennen. Sie wissen, wie Texte einer bestimmten Textsorte üblicherweise aufgebaut sind. Sie wissen, welchen kommunikativen Zweck sie hat. Und Sie können textsortengerecht formulieren.

Das sind einige Anforderungen. Wie können Sie lernen, textsortengerecht zu schreiben? Zum einen, indem Sie üben. Schreiben ist eine Fähigkeit, und Fähigkeiten können wir nur lernen, indem wir sie regelmäßig anwenden. Zum anderen sollten Sie so viele Texte aus der Textsorte lesen wie möglich. Lesen Sie dabei aktiv: Machen Sie sich beim Lesen Notizen. Was verstehen Sie? Was halten Sie von dem Text? Wie wirkt er auf Sie? So erhalten Sie ein Gefühl für die jeweilige Textsorte.

Fazit

Texte lassen sich in verschiedene Bereiche und Textsorten einteilen. Ein und derselbe Text kann, je nach Funktion, entweder „guten“ oder „schlechten“ Stil haben. „Guter Stil“ hängt vor allem von Ihrem Schreibanlass, Ihrer Zielgruppe und der Textsorte ab. Neben Zielgruppenwissen ist dabei vor allem Textsortenwissen notwendig.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Was bedeutet für Sie „guter Stil“?
  • Wie gut ist Ihr Textsortenwissen?
  • In welcher Textsorte schreiben Sie am meisten?
  • In welcher Textsorte haben Sie noch Nachholbedarf?

Literatur

Bräuer, G. (2014). Grundprinzipien der Schreibberatung. Eine pragmatische Sicht auf die Schreibprozesstheorie. In S. Dreyfürst, & N. Sennewald (Hrsg.), Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 258-282). Opladen: Verlag Barbara Budrich.

Esselborn-Krumbiegel, H. (2014). Von der Idee zum Text: Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Flower, L., & Hayes, J. R. (1981). A cognitive process theory of writing. College Composition and Communication, 32(4), 365-387.

Rechenberg, P. (2006). Technisches Schreiben. (Nicht nur für Informatiker). München: Carl Hanser Verlag.

 

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