Geschlechtergerechte Sprache: Alle Geschlechter ansprechen

Von Schreibenden wird zunehmend verlangt, dass sie ihre Texte geschlechtergerecht formulieren. Das bereitet vielen Probleme. Mit diesen Problemen beschäftige ich mich in dieser Artikelreihe zum Thema „Geschlechtergerechte Sprache“. Heute: Wie spreche ich alle Geschlechter an?

Geschlechtergerechte Sprache: Wie spreche ich alle Geschlechter an?Im ersten Artikel habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wann und wieso es vorkommen kann, dass Sie Ihren Text geschlechtergerecht formulieren müssen. Nun werde ich Ihnen einige praktische Tipps und Hinweise geben, wie Sie Ihren Text geschlechtergerecht und lesbar gestalten können. Der Schwerpunkt soll dabei vor allem auf kreativen Formulierungen liegen, die beide Geschlechter gleichermaßen einbeziehen. Das stellt viele vor vielfältige Herausforderungen. Doch es kann auch spannend sein, altbekannte, gewohnte und oft ziemlich langweilige Formulierungen durch neue zu ersetzen. Es ist eine Möglichkeit, zu üben kreativ mit Sprache umzugehen. Und das macht Spaß.

Geschlechtergerechte Sprache stellt Schreibende vor vielfältige Herausforderungen. Die erste ist:

Wie spreche ich Frauen und Männer gleichermaßen an?

Formulieren kann schnell ungewollt peinlich werden, beispielsweise wenn Sie versuchen, die Regeln der Biologie zu umgehen. Ein Beispiel: Sie haben für Ihre Dissertation eine Studie durchgeführt. Auch schwangere Frauen haben versucht, an dieser Studie teilzunehmen. Doch die konnten Sie für Ihre Studie nicht berücksichtigen, weil sie mit ihrer Schwangerschaft ein bestimmtes Ausschlusskriterium erfüllten. Sie schreiben in Ihrer Doktorarbeit:

Schwangere Probanden konnten nicht an der Studie teilnehmen.

Und schon sind Sie in eine „Gender-Falle“ getappt. Ihre Aussage stimmt nämlich aus zwei Gründen: Zum einen konnten schwangere Probanden nicht an Ihrer Studie teilnehmen, weil sie ein Ausschlusskriterium erfüllten. Zum anderen konnten schwangere Probanden nicht an Ihrer Studie teilnehmen, weil Probanden als Männer aus biologischen Gründen nicht schwanger werden können. Ein anderes Beispiel wäre eine Formulierung in einer Richtlinie über das Verhalten in einem Labor:

Alle Frauen müssen ihre langen Haare zu einem Zopf binden.

Das unterstellt zwei Dinge: Alle Frauen haben lange Haare und Männer nicht. Dass beides nicht stimmt, können Sie in jeder deutschen Fußgängerzone beobachten.

Oder ein anderes Beispiel: Sie verfassen eine Pressemitteilung für die Homepage Ihres Unternehmens. Ein neuer Aufsichtsrat wurde gewählt. Sie schreiben:

Zum neuen Aufsichtsrat gehören: Prof. Dr. Erwin Hoffer (Ingenieur) und Dr. Ursula von Niebelschütz (Rechtsanwalt).

Auch wenn Ihnen dieses Beispiel vielleicht albern erscheinen mag, ich habe schon einige solcher Meldungen gelesen. Zum Beispiel wenn eine Universität zwei neue Vizepräsidenten wählt: Professor Martin Wagner und Professor Angelika Rausch. Deshalb eine erste „Regel“ geschlechtergerechten Schreibens:

1. Nutzen Sie geschlechtsspezifische Einzelformen

Wenn Sie etwas über einzelne Personen oder Personengruppen schreiben, dann prüfen Sie, ob Sie ihnen auch das richtige Geschlecht „zuweisen“. Ist Ihre Formulierung überhaupt möglich (schwangere Probanden)? Gibt es auch weibliche Formen des Wortes, das Sie nutzen wollen („Rechtsanwalt“ und „Professor“ haben auch eine weibliche Form)? Manche Wörter haben im Deutschen nur ein Geschlecht. Das ist dann so. Zum Beispiel die Aktiengesellschaft oder die Universität, die sind immer weiblich und können deshalb gar kein Arbeitgeber sein.

Bei den Formulierungen in diesen Beispielen handelt es sich um sogenannte „geschlechtsspezifische Einzelformen“. Es gibt noch weitere Formulierungen:

2. Nutzen Sie geschlechtsspezifische Paarformen (Beidnennung)

Bei geschlechterspezifischen Paarformen nutzen Sie beide Geschlechtsformen. Sie schreiben also nicht:

An der Untersuchung nahmen N = 665 Psychologie-Studenten teil.

Sondern:

An der Untersuchung nahmen N = 665 Studentinnen und Studenten der Psychologie teil.

Und solange in Ihrem Unternehmen nicht ausschließlich Männer arbeiten, schreiben Sie auf Ihrer Unternehmens-Homepage nicht:

Alle Mitarbeiter erhalten kostenlosen Kaffee.

Sondern:

Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten kostenlosen Kaffee.

Geschlechterspezifische Paarformen können Sie auf vielfältige Art und Weise umsetzen. Wie, das werde ich in einem der nächsten Artikel beschreiben.

Solche Formen sind gerecht, können aber auch einen Nachteil haben. Bei einer zu großen Anhäufung oder einer Mischung verschiedener Paarformen kann Ihr Text vor allem eins werden: extrem unlesbar. Wenn in Ihrem Text beispielsweise steht:

Während des Experimentes sollten die Versuchsleiter/-innen durch sexualisierte Verhaltensweisen den Eindruck erwecken, dass sie die Teilnehmer (-innen) sexuell belästigten. Von den N = 665 Psychologie-Studentinnen und Studenten, die an der Studie teilnahmen, gaben jedoch nur vier StudentInnen an, dass Sie sich von den Versuchsleiter_innen sexuell belästigt fühlten.

Wenn Sie solch einen Text schreiben, werden die Personen, die ihn lesen vor allem eins machen: sich sofort angewidert von ihm abwenden. Wenn Sie also einen geschlechtergerechten und lesbaren Text schreiben möchten, dann sollten Sie sich für eine Paarform entscheiden und sie über den gesamten Text hinweg beibehalten.

Doch oft können Sie die Lesbarkeit Ihres Textes erhöhen, wenn Sie statt Paarformen geschlechterneutrale Personenbezeichnungen und Ausdrücke verwenden:

3. Nutzen Sie geschlechterneutrale Personenbezeichnungen und Ausdrücke

Und hier fängt die sprachliche Kreativität an. Das vorherige Beispiel könnte ich beispielsweise auch so formulieren:

Während des Experimentes sollte das Experimentalpersonal durch sexualisierte Verhaltensweisen den Eindruck erwecken, dass es die Versuchspersonen sexuell belästigte. Von den N = 665 Psychologie-Studierenden, die an der Studie teilnahmen, gaben jedoch nur vier an, dass Sie sich vom Experimentalpersonal sexuell belästigt fühlten.

Das ist sicher noch nicht perfekt, aber schon viel lesbarer. Die Sätze sind kürzer, der Text kompakter geworden. Was ist geschehen? Ich habe Paarformen und Sparschreibungen (dazu in einem späteren Artikel mehr) durch geschlechterneutrale Personenbezeichnungen  und Neutralwörter (Experimentalpersonal, Versuchspersonen und Psychologie-Studierende) ersetzt.

Es gibt im Deutschen auch Pluralformen, die gleichermaßen Frauen und Männer bezeichnen. Ein Beispiel:

Für jeden/jede Mitarbeiter(-in) steht kostenloser Kaffee zur Verfügung.

Eine Alternative:

Für alle Angestellten steht kostenloser Kaffee zur Verfügung.

Auf der Suche nach solchen Pluralformen hilft Ihnen Ihr Duden. Sie können auch Neutralwörter benutzen. Eines davon kennen Sie bereits: Versuchspersonen. Auch möglich: Eltern, Lehrkräfte, Lehrpersonal, Reinigungskräfte und viele mehr. Ihrer Fantasie sind (fast) keine Grenzen gesetzt.

Oft können Sie Ihren Text auch komplett umformen. Statt:

Jede(r) Mitarbeiter(-in), der oder die den Arbeitsplatz unaufgeräumt hinterlässt, erhält eine Abmahnung!

Schreiben Sie:

Bitte hinterlassen Sie Ihren Arbeitsplatz in einem aufgeräumten Zustand! Ansonsten erhalten Sie eine Abmahnung!

Das ist viel direkter. Wenn Ihnen direkte Anreden zu aufdringlich und übergriffig sind, dann geht es auch mit sogenannten unpersönlichen Pronomen:

Wer den Arbeitsplatz in einem unaufgeräumten Zustand hinterlässt, wird abgemahnt!

Sie können Ihren Text auch mit Infinitiv oder Passiv umformen:

Bitte den Arbeitsplatz beim Verlassen des Büros aufräumen!

Der Arbeitsplatz ist beim Verlassen des Büros in einem aufgeräumten Zustand zu hinterlassen!

Sie sehen, es gibt viele Möglichkeiten, Ihren Text geschlechtergerecht, lesbar und direkt zu formulieren. Gerade im Bereich geschlechterneutraler Personenbezeichnungen und Ausdrücke gibt es nahezu unzählbar viele Formulierungsmöglichkeiten.

Fazit

In diesem Artikel habe ich Ihnen einen kurzen Überblick gegeben, wie Sie Ihren Text geschlechterneutral und lesbar formulieren können. Dabei habe ich Ihnen drei Möglichkeiten dargestellt:

  • Nutzen Sie geschlechtsspezifische Einzelformen (wenn erforderlich)!
  • Nutzen Sie geschlechtsspezifische Paarformen (Beidnennungen)!
  • Nutzen Sie geschlechterneutrale Personenbezeichnungen und Ausdrücke!

Fragen zur Selbstreflexion

  • Bei welchen Formulierungen tappen Sie gewöhnlich in die „Gender-Falle“?
  • Was wäre Ihr Ausweg?
  • Wie gefallen Ihnen geschlechterneutrale Personenbezeichnungen und Ausdrücke?
  • Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Texte so umzuformulieren, dass sie keine Geschlechterformen, sondern direkte Aussagen und Ansprachen enthalten?

Bildnachweis

Summer Skyes 11 via CC BY 2.0

Mehr zum Thema „Geschlechtergerechte Sprache“:

Teil I: Einleitung

 

 

 

 

3 Gedanken zu „Geschlechtergerechte Sprache: Alle Geschlechter ansprechen

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