Warum im Studium geschrieben wird  

Schafft die Hausarbeit ab! Das fordern sowohl einige Studierende als auch ihre Lehrkräfte. Doch welche Funktion hat das Schreiben im Studium? Es hat bildungshistorische und fachliche Gründe. Gerade in den Geistes- oder Sozialwissenschaften ist es wichtig, dass Personen in der Lage sind, komplexes Wissen zu organisieren, um selbstständig Probleme lösen zu können.

In manchen Studiengängen wird viel geschrieben. Das geht so weit, dass manche Studierende sich selbst als „Hausarbeiten-Produktionsmaschinen“  bezeichnen. Susan Djahangard, die Autorin des verlinkten Artikels, berichtet, dass sie während ihres laufenden Studiums bereits 11 Hausarbeiten abgegeben habe. Bis zu ihrem Masterabschluss sollen noch drei weitere folgen. Hatte sie zu Beginn ihres Studiums noch die Hoffnung, sich ausführlich und intensiv mit einem Thema zu auseinanderzusetzen, so schreibt sie heute:

„Die Euphorie ist weg. […]. Für eine wirklich intensive Auseinandersetzung mit diesen Themen bleibt mir allerdings gar keine Zeit, weil die nächste Hausarbeit drängt. Und für eine gute Note muss ich das sowieso nicht.

Vielleicht kommt Ihnen eine solche Ernüchterung bekannt vor. Vielleicht stehen Sie aber auch gerade erst am Anfang Ihres Studiums und sind noch nicht so erfahren und abgeklärt wie Frau Djahangard. Und Sie fragen sich:

Warum wird im Studium so viel geschrieben?

Nicht nur Studierende stehen Hausarbeiten ablehnend gegenüber, sondern auch ihre Lehrkräfte. So fordert der Religionspädagoge Christoph Tipker aus Braunschweig: Schafft die Hausarbeit ab!

Das Schreiben, so Tipker, sei „eine Qual“. Und zwar sowohl für Studierende als auch für ihn als Dozenten. Für Studierende würden Hausarbeiten eine große Belastung darstellen, einen Stressfaktor von vielen. Er als Dozent hingegen müsse sich mit einer Vielzahl schlecht geschriebener Hausarbeiten beschäftigen. Sein Statement:

Schafft die Hausarbeit einfach ab! Es ginge uns nichts verloren.

Vielleicht haben Sie beim Lesen dieses Statements automatisch gedacht: „Jawohl! So ist es!“. Doch das ändert nichts daran, dass Hausarbeiten noch immer ein grundlegender Bestandteil Ihres Studiums sind. Vielleicht fragen Sie sich ja: „Warum eigentlich?“. Mit dieser Frage werde ich mich in diesem Artikel beschäftigen. Wie vieles andere, was wir Menschen machen, hat auch das Schreiben im Studium einen historischen Hintergrund.

Schreiben im Studium – Historischer Hintergrund

Zwischen 1750 und 1850 änderten sich die Lehrmethoden an den Universitäten (Kruse, 2006, S. 334). Bis dahin war die häufigste Lehrmethode die Disputation gewesen. Dabei handelte es sich um eine wissenschaftliche Diskussion. Diese Lehrmethode wurde nach und nach durch den seminaristischen Unterricht ersetzt. In dieser Methode fand die Lehre in einem kleinen Kreis statt, in dem zwar auch miteinander gesprochen, aber auch geschrieben wurde. Die damaligen Studenten mussten Seminararbeiten verfassen, in denen sie sich mit Inhalten ihres Studiums schriftlich auseinandersetzten.

In dieser Zeit geschah noch etwas: Der wissenschaftliche Diskurs veränderte sich. Bereits 1665 erschienen die ersten wissenschaftlichen Zeitschriften (ebd.,  S. 336). Sie waren ähnlich aufgebaut wie wir sie heute kennen: Sie bestanden aus Original-Forschungsartikeln, Zusammenfassungen aus Artikeln anderer Artikel oder Bücher, Buchrezensionen und Neuigkeiten aus Universitäten und Forschungsgemeinschaften (ebd.).

Im Laufe der Zeit wurden sie das wichtigste Austauschmedium im wissenschaftlichen Diskurs der damals vertretenen Fächer. Kruse (ebd.) zufolge revolutionierte dieses neue Publikationsmedium die wissenschaftliche Kommunikation. Es erlaubte den Autoren, ihre Texte noch schneller und detaillierter miteinander zu verknüpfen als Bücher es konnten. Diskussionen konnten nun auf dem Papier ausgetragen werden (ebd., S. 337). Damit das gelingen konnte, wurden Zitationskonventionen eingeführt, Regeln zum einheitlichen Zitieren und Belegen, so, wie wir es heute kennen (ebd.).

Im seminaristischen Unterricht wurden die damaligen Studenten in diesen Diskurs eingeführt. Sie sollten nun lernen, mittels selbstgeschriebener Texte ihr Wissen zu verdichten und vernetzen. Zu Beginn war diese Lehrform noch Elitestudenten vorbehalten. Das änderte sich im Laufe der Zeiten. Der seminaristische Unterricht wurde zur Lehrmethode der Wahl. Und trotz der Bologna-Reformation findet auch heute noch in vielen Fächern neben Vorlesungen auch seminaristischer Unterricht statt. Auch heute müssen in diesen Seminaren noch Haus- und Seminararbeiten verfasst werden.

Schreiben im Studium als Wissenstechnik

Was heißt das für Frau Djahangard? Sie gibt sich die Antwort selbst:

Ich wurde immer schneller im Hausarbeitenschreiben, vor allem, weil ich meine Literaturverwaltung perfektioniert habe: Für Arbeiten mit vielen Texten nutze ich ein spezielles Programm. Für Arbeiten mit weniger Quellen notiere und sortiere ich Stichwörter in Wordtabellen.

Sie hat gelernt, mit Wissen zu arbeiten. Frau Djahangard studiert, nach eigener Aussage, eine Sozialwissenschaft. Und egal, in welchem Bereich sie später arbeiten wird, sei es die Hochschule, ein politisches Büro, die Presse- und Öffentlichkeit eines Unternehmens oder sonst etwas, wo Personen später einmal arbeiten, die eine Sozialwissenschaft studiert haben, genau das kann einmal ihr Job sein: die Organisation von Wissen.

Fast niemand wird sie fragen, in welchem Jahr die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ durchgeführt wurde (außer vielleicht Studierende, die Sie in einem Seminar unterrichten). Sie wird nicht aus vier Antwortmöglichkeiten auswählen müssen, welches Zitat aus Goffmans „Asyle“ stammt (außer vielleicht Studierende im Rahmen eines Klausurentutoriums). Sie wird Wissen nicht rezipieren, sondern organisieren.

Und genau das hat sie in ihrem Studium gelernt, nach eigenen Aussagen sogar ziemlich gut:

Alle meine schriftlichen Arbeiten wurden sehr gut bewertet. Aber ich bin frustriert.

Warum ist sie frustriert? Weil ihr die grundlegende sozialwissenschaftliche Arbeitsweise nicht passt.:

Ich würde lieber einen eigenen Dokumentarfilm über gescheiterte Flüchtlingspolitik drehen. Auf einem Plakat Ursachen für die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa erklären. Ein Hörspiel aufnehmen, in dem zwei Theorien miteinander diskutieren. Eine Seminarstunde gestalten. Eine Podiumsdiskussion organisieren und moderieren.

Kurz: Sie scheint nach kreativer Selbstverwirklichung zu streben. Und das ist schön. Und es ist schade, dass dafür im knappen Zeitplan á la Bolognese keine Zeit bleibt.

Aber: Auch ein Studium an einer Universität ist in erster Linie eine Berufsausbildung. Während manche Personen in ihrer Ausbildung lernen, wie sie Autos reparieren, so lernen Personen, die eine Ausbildung in den Geistes- oder Sozialwissenschaften machen, wie sie komplexes Wissen organisieren können, um so später selbstständig bestimmte Probleme lösen zu können. Doch dafür müssen sie erstmal Grundlagen schaffen. Das „Handwerkszeug“ ihres Geistes gewissermaßen. Dazu gehört zunächst die Literaturverwaltung, die Organisation von Fremdwissen. Und die Anordnung und Präsentation von Argumenten in einer logischen Reihenfolge.

Und Frau Djahangard scheint sogar sehr begabt für ihr Fach zu sein:

Ich habe verstanden, worauf es ankommt. Vor allem auf ein gutes Gerüst: Ist die Argumentation schlüssig? Habe ich eine klare Forschungsfrage? Ist der Aufbau logisch? Habe ich methodisch sauber gearbeitet? Kann ich die Grenzen meiner Arbeit kritisch reflektieren? Und zitiere ich korrekt? Dafür muss ich keine sechs Jahre studieren. Das hatte ich schon im Bachelor irgendwann begriffen.

Viele andere Studierende sind noch nicht so weit. Sie haben all das nämlich auch noch nach sechs Jahren Studium noch nicht gelernt.

Fazit

Auch wenn es Sie und Ihren Dozenten nerven mag: Hausarbeiten gehören in Ihrem Studium einfach dazu. Gerade, wenn Sie eine Geistes- oder Sozialwissenschaft studieren. Sie lernen ein wichtiges Handwerkszeug Ihres späteren Berufes. Und das wird sich spätestens dann bemerkbar machen, wenn Sie später einmal Ihren Traumjob in einem Verlag oder ähnlichem haben: Sie werden in der Lage sein, mit komplexem Wissen zu arbeiten. Und das besser als andere.

Doch dazu bedarf es erst einmal einer Ausbildung, in der Sie lernen, dieses Handwerkszeug einzusetzen. Als Sie sich in Ihren Studiengang einschrieben, haben Sie sich in erster Linie für eins entschieden: eine Berufsausbildung. Und zu jeder Ausbildung gehört es dazu, formale Dinge zu lernen. Auch wenn das oft nervt.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Müssen Sie viel in Ihrem Studium schreiben?
  • Sehen auch Sie selbst sich als eine „Hausarbeiten-Produktionsmaschine“?
  • Wie stehen Sie zu Hausarbeiten?
  • Sehen Sie das Schreiben eher als Hindernis zur kreativen Selbstverwirklichung?
  • Denken Sie, Sie könnten auch das Schreiben als Mittel zur kreativen Selbstverwirklichung neu bewerten?
  • Was ist das „Handwerkszeug“, das Sie in Ihrem Studium erlernen müssen?

Literatur

Kruse, O. (2006). The origins of writing in the disciplines: Traditions of seminar writing and the Humboldtian ideal of the research university. Written Communication, 23(3), 331-352