Kognitives Schreibprozessmodell: Einleitung

Wie funktioniert Schreiben? In dieser Artikelreihe stelle ich Ihnen ein Modell des Schreibens vor: das kognitive Schreibprozessmodell von Flower & Hayes. Es kann Ihnen dabei helfen, Ihr eigenes Schreiben zu reflektieren und zielgerichtet zu verbessern.

Bild zur Artikelreihe "Das kognitive Schreibprozessmodell von Flower & Hayes auf textzaemer.de. Zu sehen: Ein schöner Füller

Wie funktioniert Schreiben?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie Schreiben funktioniert? Wenn ja, dann sind Sie in guter Gesellschaft. Viele Personen haben schon versucht, diese Frage zu beantworten. Unter anderem auch Linda Flower und John Hayes (1981). Flower & Hayes stellten eine kognitive Schreibprozess-Theorie auf. Das bedeutet, dass sie sich vor allem für alle gedanklichen Prozesse interessierten, die bei Schreibenden während des Schreibprozesses ablaufen.

In diesem und folgenden Artikeln werde ich Ihnen diese Theorie und das dazugehörige kognitive Schreibprozessmodell vorstellen. Doch vorher fragen Sie sich bestimmt:

Warum sollte ich mich mit einer Schreib-Theorie beschäftigen?

Die Frage ist berechtigt. Warum aus dem Schreiben eine Wissenschaft machen? Ist nicht alles schon theoretisch genug? Warum überhaupt denken? Vielleicht studieren Sie und haben bereits schon damit zu tun, sich mit anderen Modellen und Theorien zu beschäftigen. Deshalb werde ich Ihnen zunächst erklären, was ein theoretisches Modell überhaupt ist. Sie werden sehen, dass theoretische Modelle nicht nur praktisch sind, sondern Ihnen auch in nichtwissenschaftlichen Zusammenhängen wohlvertraut sind. Ihr Gehirn kann gar nicht ohne. Anschließend werde ich Ihnen die kognitive Schreibprozess-Theorie von Flower & Hayes (1981) darstellen. Am Ende des Artikels verschaffe ich Ihnen einen Überblick über das kognitive Schreibprozessmodell. Und dann geht es immer weiter.

Was ist ein theoretisches Modell?

Das Wort Modell bedeutet nichts anderes als „Vorbild“. Dieses Vorbild ist ein direkt beobachtbarer Wirklichkeitsausschnitt, also eine bestimmte Eigenschaft, ein bestimmtes Verhalten, eine bestimmte Handlung oder etwas anderes, das Sie direkt beobachten können (vgl. Tetens, 2013, S. 47ff.). Anhand dieses Vorbildes versuchen Sie etwas zu beschreiben, das Sie nicht direkt beobachten können. Das kann vieles sein. Ein Beispiel dafür sind abstrakte psychologische Begriffe wie „Motivation“ oder „Selbstsicherheit“. Beides können Sie weder sehen noch anfassen. Sie können nur Handlungen beobachten, die ihnen,  Ihrer modellhaften Denkweise nach, zugrunde liegen könnten. Das gleiche gilt für die kognitiven Prozesse beim Schreiben. Auch die können Sie nicht selbst beobachten, sondern nur bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen, die Ihnen dabei helfen können, Rückschlüsse auf diese Prozesse zu ziehen.

Ein Modell ist nichts anderes als eine Geschichte, die Sie über etwas erzählen, was Sie direkt nicht beobachten können. Zum Beispiel einen Prozess. Dieser hat oft verschiedene Bestandteile, die miteinander verbunden sind und miteinander in dynamischen und komplexen Wechselwirkungen stehen. Ein Modell ist ein Versuch, ein dynamisches System mit seinen komplexen Wechselwirkungen zu verstehen. Anhand des Modells versuchen Sie dann, die einzelnen Bestandteile dieses Systems und ihre Beziehungen untereinander zu betrachten und zu verstehen (Flower & Hayes, 1981, S. 368).

Die Vorteile von Modellen

Modelle ermöglichen es Ihnen nicht nur, etwas zu erklären. Sie ermöglichen es Ihnen auch, Ordnung in all die Informationen, die ständig auf Sie einströmen, zu bringen. Das macht Ihr Gehirn ganz automatisch. Auch im Alltag. Es reduziert Komplexität. Dadurch werden die Dinge verstehbarer. Ihr Gehirn ist vor allem eins: eine Komplexitätsreduktions-Maschine.

Oft wissen Sie mehr, als Sie selbst ausdrücken können. Zum Beispiel wissen Sie „irgendwie“ wie man schreibt. Doch Sie können es nicht ausdrücken. Ihr Wissen ist „implizit“, also unausgesprochen. Das ändert sich, wenn Sie beginnen, ein Modell anzuwenden. Dann können Sie das Wissen, was vorher implizit war, aussprechen. Dann wird es „explizites Wissen“. Sie können es ausdrücken und darüber sprechen. Mit all Ihren Freunden.

Phasen-Modelle des Schreibens

Um zu erklären, wie das Schreiben funktioniert, werden verschiedene Modelle genutzt. Eine Art dieser Modelle sind „Phasen-Modelle des Schreibens“. Nach solchen Modellen ist das Schreiben eine schrittweise aufeinander aufbauende Abfolge verschiedener Phasen. Am Ende steht das Endprodukt: der fertige Text. Solche Modelle sind intuitiv verständlich: Es gibt eine „Pre-Writing“-Phase (die Gliederung), eine „Writing“-Phase (das eigentliche Schreiben) und eine „Post-Writing“-Phase (das Überarbeiten des Textes) (vgl. Flower & Hayes, 1981, S. 366f.).

Doch ein Problem solcher Modelle ist Ihnen sicher bekannt: Nur sehr selten läuft beim Schreiben auch wirklich alles schrittweise ab. Stattdessen laufen viele Schritte parallel ab. Sie schreiben und überarbeiten den Text gleichzeitig. Beim Formulieren löschen oder ändern Sie Wörter und Sätze. Und bei einigen Schreibenden ergibt sich die Gliederung erst während des eigentlichen Schreibens.

Der Schreibprozess als solches ist also nur selten linear.

Ein weiteres Problem von Phasen-Modellen des Schreibens ist, dass das Schreiben nur anhand seines Endproduktes, dem fertigen Text, erklärt wird. Was zwischen Anfang und Ende geschieht, wird in solchen Modellen völlig außer Acht gelassen. Was geschieht in den Köpfen der Schreibenden? Wie erreichen sie ihr Schreibziel?

Die Lösung: ein kognitives Schreibprozessmodell

Diese Fragen versuchen Flower & Hayes in ihrem kognitiven Schreibprozessmodell zu beantworten. Sie versuchen, die grundlegenden geistigen Prozesse zu beschreiben, die beim Schreiben ablaufen.

Ihre kognitive Schreibprozess-Theorie (Flower & Hayes, 1981, S. 366f.) beruht auf folgenden Annahmen:

  1. Schreiben ist eine Sammlung verschiedener Denkprozesse, die Schreibende durchführen, um ihre Texte zu verfassen und zu organisieren.
  2. Diese Prozese sind hierarchisch organisiert und ineinander eingebettet.
  3. Schreiben ist ein zielgerichteter Prozess. Während des Schreibens schaffen Schreibende ein hierarchisches Netzwerk von Zielen, die den Schreibprozess leiten.
  4. Schreibende schaffen ihre eigenen Ziele folgendermaßen: Sie generieren Ziele und erreichen diese mit Teilzielen. Sie passen, falls erforderlich, ihre Ziele an das an, was sie während des Schreibprozesses lernen. Sie sind also äußerst flexibel. Auch ungeübte Schreibende (wenn sie sich auf den Prozess an sich einlassen).

Das kognitive Schreibprozessmodell im Überblick

Das kognitive Schreibprozessmodell von Flower & Hayes (1981, S. 369f.) besteht aus drei Elementen:

  1. Aufgabenumwelt
  2.  Langzeitgedächtnis der Schreibenden
  3. Schreibprozess

Diese Elemente werde ich Ihnen in den nächsten Artikeln näher erläutern.

Die Vorteile des kognitiven Schreibprozessmodells

Das Modell von Flower & Hayes hat zwei Vorteile. Wir können den Schreibprozess an sich detailliert betrachten. Wir können auch einzelne Fähigkeiten von Schreibenden identifizieren. Beispielsweise können wir im empirischen Studien die Schreibstrategien von geübten und ungeübten Schreibenden miteinander vergleichen und so viel über den Schreibprozess an sich lernen.

Für Sie heißt das: Sie können Ihren eigenen Schreibprozess selbst analysieren. Vielleicht entdecken Sie, an welcher Stelle des Prozesses es bei Ihnen „hakt“. Mit diesem Wissen können Sie dann gezielt daran arbeiten. Wenn Sie nicht wissen, wo es bei Ihnen „hakt“, können Ihnen die Reflexionsfragen am Ende dieses Beitrages helfen.

In den folgenden Artikeln werde ich Ihnen einen die einzelnen Elemente des kognitiven Schreibprozess-Modells näher beschreiben. Damit Sie Ihr implizites Schreibwissen explizit machen können.

Fazit

Es ist schwer, abstrakte Begriffe aus der Realität zu beschreiben. Modelle helfen uns dabei, und zwar in allen Lebenslagen. Das gilt auch für den Schreibprozess. Das kognitive Schreibprozessmodell von Flower & Hayes kann Ihnen dabei helfen, Ihren Schreibprozess nachzuvollziehen und zu beschreiben. Dadurch können Sie Ihren  Schreibprozess besser reflektieren und verbessern.

Reflexionsfragen

  • Was bedeutet „Schreiben“ für Sie?
  • Was ist Ihr Modell vom Schreiben?
  • Ist Ihr Wissen über das Schreiben eher implizit oder explizit?
  • Ist Ihr Modell eher ein Phasen- oder ein Prozessmodell des Schreibens?

Literatur

Flower, L., & Hayes, J. R. (1981). A cognitive process theory of writing. College Composition and Communication, 32(4), 365-387.

Tetens, H. (2013). Wissenschaftstheorie – Eine Einführung. München: C.H. Beck

Mehr zum kognitiven Schreibprozessmodell:

Teil II: Die Aufgabenumwelt

 

 

3 Gedanken zu „Kognitives Schreibprozessmodell: Einleitung

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