Kognitives Schreibprozessmodell: Das Langzeitgedächtnis

Wie funktioniert Schreiben? In dieser Artikelreihe stelle ich Ihnen ein theoretisches Modell des Schreibens vor: das kognitive Schreibprozessmodell von Flower & Hayes. Dieses besteht aus verschiedenen Elementen. Eines davon ist das Langzeitgedächtnis.

Das kognitive Schreibprozessmodell im Überblick. In diesem Beitrag: das Langzeitgedächtnis

Flower & Hayes (1981, S. 369f.) bildeten das kognitive Schreibprozessmodell. Demzufolge ist der Schreibprozess ein dynamisches System, das aus drei Komponenten besteht:

  1. Aufgabenumwelt
  2.  Langzeitgedächtnis der Schreibenden
  3. Schreibprozess

In diesem Artikel werde ich die zweite Komponente des kognitiven Schreibprozessmodells beschreiben:

Das Langzeitgedächtnis

Das menschliche Gedächtnis besteht aus zwei Teilen: dem Arbeitsgedächtnis und dem Langzeitgedächtnis.

Das Langzeitgedächtnis enthält gespeicherte Informationen, Wissenszusammenhänge und Erfahrungen, die verbal, bildhaft oder auditiv „gespeichert“ und zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgerufen werden können (Niegemann et al., 2008, S. 43). Es wird zwischen dem deklarativen und dem nicht deklarativen Gedächtnis unterschieden.

Im deklarativen Gedächtnis sind Fakten und Ereignisse „gespeichert“, also alles, was Sie über oder von etwas wissen. Im nicht deklarativen Gedächtnis hingegen sind unter anderem Fähigkeiten und Gewohnheiten „gespeichert“, also Ihr Wissen, wie Sie etwas machen.

Das Lagerhaus des Wissens

Nach Flower & Hayes (1981, S. 371) ist das Langzeitgedächtnis das „Lagerhaus“ des Wissens über:

  • das Thema Ihres Textes
  • die Zielgruppe Ihres Textes
  • Ihre Schreibpläne
  • Ihre Schreibstrategien

Der Vergleich des Langzeitgedächtnisses mit einem „Lagerhaus“ ist einleuchtend. Schließlich ist es, im Gegensatz zum Arbeitsgedächtnis, relativ stabil. Das heißt, dass „gespeicherte“ Informationen relativ lange in Ihrem Langzeitgedächtnis bleiben. Jedoch ist das Langzeitgedächtnis nicht statisch, sondern dynamisch. Gedächtnisinhalte organisieren sich ständig neu. Neues Wissen kommt hinzu und altes wird „vergessen“.

Für Flower & Hayes (ebd.) existiert das Langzeitgedächtnis nicht nur in Ihrem Geist, sondern auch außerhalb, beispielsweise in Form von Büchern, Datenbanken und Suchmaschinen im Internet. Es ist also alles Wissen, auf das Sie im Schreibprozess direkt zugreifen können.

Das Langzeitgedächtnis im Schreibprozess

Während des Schreibprozesses konfrontiert Sie das Langzeitgedächtnis mit zwei Problemen:

  1. Wie aktiviere ich das Langzeitgedächtnis und wie kann ich nützliches Wissen aus ihm extrahieren?
  2. Wie organisiere ich das Wissen so, dass es zur Lösung des rhetorischen Problems beiträgt?

Mit diesen beiden Problemen werde ich mich nun näher auseinandersetzen.

Wie aktiviere ich das Langzeitgedächtnis und wie kann ich nützliches Wissen aus ihm extrahieren?

Um einen Text zu schreiben, benötigen Sie Wissen zu dem Thema, über das Sie schreiben. Zudem benötigen Sie Wissen über Ihre Zielgruppe und Ihre eigenen Schreibpläne und –strategien. Sie müssen also nicht nur wissen, worüber Sie schreiben, sondern auch für wen und wie. Das ist einiges an Wissen, das Sie benötigen.

Und vieles von diesem Wissen ist noch nicht oder nicht mehr in Ihrem eigenen Langzeitgedächtnis, sondern Sie müssen es sich erst aneignen. Zum Beispiel indem Sie Fachliteratur zu Ihrem Thema lesen und auswerten. Oder indem sich einen Überblick über Ihre Zielgruppe verschaffen und klären, was sie bereits über Ihr Thema weiß.

Vorwissen aktivieren

Deshalb ist es notwendig, dass Sie zunächst Ihren eigenen Wissensbestand klären. Das können Sie machen, indem Sie Ihr Vorwissen aktivieren. Esselborn-Krumbiegel (2014, S. 23) rät dazu, „explorierende Texte“ zu verfassen. Das sind kurze Texte, in denen Sie all das niederschreiben, was Sie über Ihr Thema schon oder noch wissen.

Wissenslücken schließen

Sollten Sie feststellen, dass Sie über nur wenig Vorwissen verfügen, sollten Sie Ihre Wissenslücken schließen. Verschaffen Sie sich einen kurzen Überblick über die Fachliteratur, indem Sie selektiv lesen und auswerten. Wenn Sie feststellen, dass Sie nur wenig über Ihre Zielgruppe wissen, dann holen Sie Erkundigungen ein, beispielsweise durch Nachfragen oder Recherche. Sie können Ihr Wissen über Schreibpläne oder -strategien erweitern, indem Sie Bücher zu diesen Themen lesen. Oder einen Blog wie diesen.

Wie organisiere ich das Wissen so, dass es zur Lösung des rhetorischen Problems beiträgt?

Wenn Sie Ihr Vorwissen aktiviert und Ihre Wissenslücken geschlossen haben, stehen Sie nun vor dem Problem, dieses Wissen so zu organisieren, dass Sie Ihr rhetorisches Problem lösen können. Das heißt, dass Sie es nicht nur niederschreiben, sondern auch so organisieren müssen, dass Ihr Text seinen Zweck erfüllt. Und das ist schwer, denn hier besteht die Gefahr, dass Sie Ihren Text nicht an die Situation anpassen, für die Sie Ihn schreiben.

Das Schreiben und die Einsamkeit

Schreiben ist paradox: Auf der einen Seite ist es eine kommunikative Handlung. Sie schreiben, um ein kommunikatives Ziel zu erreichen. Auf der anderen Seite sind Sie dabei ganz alleine. Im Gegensatz zur verbalen Kommunikation können Sie nicht direkt beurteilen, ob sie von Ihrem Gegenüber verstanden werden. Sie müssen sich laufend in die Position Ihrer Zielgruppe versetzen. Das fällt vor allem ungeübten Schreibenden schwer. Aber auch für geübte Schreibende stellt die „Einsamkeit von Schreibenden“ (Ruhmann & Kruse, 2014, S. 26) ein Problem dar.

Wissen: Erzählen Sie noch, oder transformieren sie schon?

Es gibt zwei verschiedene Arten, wie Sie Ihr Wissen niederschreiben können: „knowledge-telling“ und „knowledge-transforming“ (Bereiter & Scardamalia, 2014). Bei „knowledge-telling“ schreiben Sie Ihr Wissen nieder. Dabei handelt es sich um eine reine „Wissenswiedergabe“. Planung, Kontrolle und Überarbeitung finden nicht statt und Sie lassen Kenntnisse und Bedürfnisse Ihrer Zielgruppe außen vor. Bei „knowledge-transforming“ hingegenverfassen Sie Ihren Text so, dass sie ihn durch Planung und Überarbeitung an die Kenntnisse und Bedürfnisse Ihrer Zielgruppe anpassen können. Dadurch sind Sie in der Lage, Ihre Gedanken zum Thema neu zu organisieren und zu weiterzuentwickeln. Das heißt, Sie geben Ihr Wissen nicht nur wieder, Sie transformieren es auch.

Gerade dann, wenn Sie angefangen haben, zu studieren und Ihre erste Hausarbeit schreiben müssen, ist es wahrscheinlich, dass Sie noch zum reinen „knowledge-telling“ neigen. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich haben Sie in der Schule die ganze Zeit lang nichts anderes gemacht. In Klausuren mussten Sie Fragen beantworten, indem Sie all Ihr Wissen zum Thema niederschrieben. Jetzt, im Studium, gilt es aber, zunehmend längere und komplexere Texte zu schreiben. Oft gehen diese über eine reine Wissenswiedergabe hinaus. Ihre Lehrkräfte erwarten von Ihnen, dass Sie zeigen, dass Sie ein Thema aus mehreren Perspektiven darstellen können. Das heißt, dass Sie zu Beginn Ihres Studiums eine neue Methode lernen müssen, Ihr Wissen wiederzugeben und weiterzuverarbeiten.

Eine Lösung: Feedback für Ihren Text

Feedback kann Ihnen dabei helfen, „knowlege-transforming“ zu erlernen. Ein solches Feedback sollte sich sowohl auf Ihren Text selbst als auch auf Ihren individuellen Schreibprozess beziehen. Eine fremde Person liest Ihren Text und meldet Ihnen zurück, ob sie ihn verstanden hat oder nicht. So können Sie einschätzen, ob Sie schon leserbezogen schreiben könnnen.

In einem guten Feedback erhalten Sie nicht nur eine Rückmeldung über die Wirkung Ihres Textes, sondern auch hilfreiche Ratschläge, die Ihnen dabei helfen können, Ihren Schreibprozess effektiver zu gestalten.  Ein gutes Feedback geht vor allem von Ihren individuellen Stärken und Kompetenzen aus und wie Sie diese erweitern können.

Leider werden Sie von Ihren Lehrkräften häufig nur ein Feedback in Form einer Note erhalten, die Sie im Prüfungsverwaltungssystem Ihrer Hochschule sehen. Das liegt auch daran, dass Lehrkräfte oft kein gutes Feedback geben möchten, weil es für sie mit einem erhöhten Arbeitsaufwand verbunden ist. Sie sollten also auf anderen Wegen nach gutem Feedback suchen. Zum Beispiel bei Ihren Mitstudierenden, dem Schreibzentrum an Ihrer Hochschule oder Ihrem Lektor.

Fazit

Das Langzeitgedächtnis stellt ein weiteres Element des kognitiven Schreibprozessmodells von Flower und Hayes (1981) dar. Dabei handelt es sich um Ihr Wissen über Thema, Zielgruppe sowie Ihre eigenen Schreibstrategien. Dieses Wissen befindet sich entweder in Ihrem Langzeitgedächtnis oder in allen Informationsmaterialien, die Ihnen zur Verfügung stehen.

Immer dann, wenn Sie mit einem Schreibprojekt beginnen, sollten Sie sich zunächst einen Überblick über Ihr Vorwissen verschaffen. Eine Möglichkeit dafür ist das Verfassen so genannter „explorierender Texte“ (Esselborn-Krumbiegel, 2014). Nachdem Sie sich einen Überblick über Ihr Vorwissen verschafft haben, sollten Sie Ihre Wissenslücken schließen.

Schreiben ist zwar eine kommunikative Handlung, aber ein einsamer Prozess. Das stellt vor allem ungeübte Schreibende vor eine große Herausforderung: Sie wissen oft nicht, ob ihr Text auch seinen Zweck erfüllt. Bevor Sie kommentarlos eine Note erhalten, sollten Sie also, vor allem zu Studienbeginn, versuchen, ein gutes Feedback für Ihren Text zu erhalten.

Reflexionsfragen

  • Wie viel wissen Sie über Ihre eigenen Schreibstrategien?
  • Wie aktivieren Sie Ihr Vorwissen?
  • Haben Sie schon Erfahrungen mit kurzen „explorierenden Texten“ gemacht?
  • Wie organisieren Sie beim Schreiben Ihr Wissen? Neigen Sie zu „knowledge-telling“?
  • Haben Sie die Möglichkeit, vor der Abgabe Ihres Textes ein gutes Feedback einzuholen?
  • Wer gibt Ihnen gutes Feedback, das Sie auch als schreibende Person weiterbringt?

Literatur

Bereiter, C., & Scardamalia, M. (2014). Knowledge-telling und Knowledge-transforming. In S. Dreyfurst, & N. Sennewald (Hrsg), Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 87-93). Opladen: Verlag Barbara Budrich.

Esselborn-Krumbiegel, H. (2014). Von der Idee zum Text: Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Flower, L., & Hayes, J. R. (1981). A cognitive process theory of writing. College Composition and Communication, 32(4), 365-387.

Niegemann, H. M., Domagk, S., Hessel, S., Hein, A., Hupfer, M., & Zobel, A. (2008). Kompendium multimediales Lernen. Berlin: Springer.

Ruhmann, G., & Kruse, O. (2014). Prozessorientierte Schreibdidaktik: Grundlagen, Arbeitsformen, Perspektiven. In. S. Dreyfurst, & N. Sennewald (Hrsg), Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 15-34). Opladen: Verlag Barbara Budrich.

Mehr zum kognitiven Schreibprozessmodell:

Teil I: Einleitung

Teil II: Aufgabenumwelt

2 Gedanken zu „Kognitives Schreibprozessmodell: Das Langzeitgedächtnis

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