Kognitives Schreibprozessmodell: Monitor

Wie funktioniert Schreiben? Mit dieser Frage ist nicht die motorische Handlung an sich gemeint, sondern der Prozess, der vom Gedanken bis hin zum Text abläuft. In dieser Artikelreihe stelle ich Ihnen ein theoretisches Modell des Schreibens vor: das kognitive Schreibprozess-Modell von Flower & Hayes. Dieses besteht aus verschiedenen Elementen. Einer davon ist der „Monitor“: Das Überwachen Ihres individuellen Schreibprozesses. Darum geht es hier in Teil VII.



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Flower & Hayes (1981, S. 369f.) bildeten das kognitive Schreibprozessmodell. Demzufolge ist der Schreibprozess ein dynamisches System, das aus drei Komponenten besteht:

  1. Aufgabenumwelt
  2.  Langzeitgedächtnis der Schreibenden
  3. Schreibprozess

Der eigentliche Schreibprozess wiederum besteht aus vier Subprozessen:

Nachdem ich mich im letzten Artikel mit dem Überprüfen der Rohfassung beschäftigt habe, geht es hier um das, was den Schreibprozess im Inneren zusammenhält: den „Monitor“, das Überwachen des Schreibprozesses.

Überwachen und Schreiben: der „innere Wächter“

„Überwachen“, das klingt zunächst nicht toll. Es ist ein negativ besetztes Wort. Sich selbst zu überwachen heißt aber auch, sich selbst wahrzunehmen. Und Selbstwahrnehmung ist eine wichtige Fähigkeit, nicht nur im gesamten Leben, sondern auch beim Schreiben. Im kognitiven Schreibprozessmodell von Flower und Hayes (1981) ist dafür der „Monitor“ zuständig.

Was ist der „Monitor“?

Der „Monitor“ ist kein kleines Männlein, das irgendwo in Ihrem Kopf sitzt und Ihnen beim Schreiben zuschaut. Es gibt auch kein „Monitorzentrum“ irgendwo im Gehirn, das eindeutig einem bestimmten „Hirnareal“ zuzuordnen ist. Der Begriff „Monitor“ ist vielmehr eine Metapher für eine bestimmte Fähigkeit: die Fähigkeit, das eigene Handeln zu beobachten und zu steuern – in diesem Fall beim Schreiben.

Was macht der „Monitor“?

Für Flower und Hayes (1981, S. 374) dient der „Monitor“ als „Schreibstratege“. Dieser „innere Schreibstratege“ bestimmt, wann Sie beim Schreibprozess von einem Subprozess zum nächsten fortschreiten. Er bestimmt beispielsweise, wie lange Sie Ideen generieren, bevor Sie diese in Text übersetzen. Oder wie lange Sie an Ihrer Rohfassung schreiben, bis Sie sich ans Überarbeiten machen.

Das heißt: Der „Monitor“ ist vor allem für Entscheidungen „zuständig“, Entscheidungen auf Grundlage Ihres individuellen, gegenwärtigen Schreibens. Dabei funktioniert er ein bisschen wie der Thermostat einer Heizung: Er registriert eine bestimmte Information, in diesem Fall Ihren Schreibfortschritt und -prozess. Danach leitet er weitere Maßnahmen ein, in diesem Fall eine andere Schreibhandlung.

Der „Monitor“ sagt Ihnen, wann genug ist

Ein Beispiel dafür ist das Ideengenerieren. Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Hausarbeit über positive Effekte von grünem Gemüse auf die Herzgesundheit schreiben. Dazu brauchen Sie erst mal Ideen, sonst können Sie nicht schreiben. Sie müssen sich also überlegen, worüber Sie schreiben und gleichzeitig Material sammeln und weiterverarbeiten. Irgendwann haben Sie genug Material und können Ihre Hausarbeit schreiben.

Wann genau der richtige Zeitpunkt ist, „sagt“ Ihnen Ihr „Monitor“: Sie merken, wann Sie die ersten Worte schreiben können. Und: Je besser Sie Ihren Monitor „trainiert“ haben, desto besser kann er auch arbeiten.

Monitor und Schreibfluss

Der Monitor „hilft“ ihnen also dabei, flüssig zu schreiben: Er sorgt dafür, dass ihre Aufmerksamkeit da ist, wo sie hingehört, nämlich bei Ihrer derzeitigen Aufgabe. Außerdem sorgt er dafür, dass Sie zur richtigen Zeit „umschalten“ können. Deshalb ist der Monitor wichtig für Ihren Schreibfluss: Wenn ihr Monitor nicht ausgeprägt ist, dann wird es Ihnen auch schwerfallen, flüssig zu schreiben.

Dann kann es vorkommen, dass Sie zu viel auf einmal wollen: hier etwas formulieren, da etwas überarbeiten und hier und dort noch ein bisschen was nachrecherchieren, alles im selben Moment. Das Problem: Wenn Sie zu viel auf einmal machen wollen, dann kann es passieren, dass Ihr Arbeitsgedächtnis „dichtmacht“.

Flaschenhals Arbeitsgedächtnis: Stress für die zentrale Exekutive

Das Arbeitsgedächtnis ist an allen Schreibprozessen beteiligt. Es sorgt unter anderem dafür, dass wir Informationen im Kurzzeitspeicher behalten können, also auch dabei, dass wir am Ende des Satzes noch wissen, wie er angefangen hat.

Ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsgedächtnisses ist die sogenannte „zentrale Exekutive“. Sie ist dafür zuständig, Informationen für eine kurze Zeit zu speichern und zu verarbeiten. Außerdem übt sie eine Reihe von Kontrollfunktionen aus (nach Hayes, 1996 [2014], S. 64):

  • Abrufen von Informationen aus dem Langzeitgedächtnis
  • Steuern von Aufgaben, die noch nicht vollständig automatisiert ablaufen oder eine Problemlösung oder Entscheidung erfordern

Mit anderen Worten: Sie verarbeitet viele Informationen, die beim Schreiben in Ihrem Kopf sind. Da müssen auch zahlreiche Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden z. B., wenn Sie sich fragen: „Kann man das wirklich so schreiben?“ oder „Gehört das noch zu meiner Aufgabe?“.

Das Arbeitsgedächtnis und Ihr Schreibpotenzial

Problematisch wird es dann, wenn Sie noch nicht sehr schreiberfahren sind. Dann müssen Sie nämlich viele Aufgaben noch „bei vollem Bewusstsein“ erledigen, weil sie noch nicht „automatisch“ ablaufen. Diese Aufgaben beginnen beim Tippen, zum Beispiel, wenn Sie kein Zehnfingerschreiben beherrschen, und gehen bis zum Bilden verständlicher Sätze.

Deshalb ist R. T. Kellogg (2008, S. 3) der Auffassung, dass die zentrale Exekutive ein Grund dafür ist, dass Schreibende ihr Schreibpotenzial nicht entwickeln können. Und das ist sinnvoll: Wir brauchen die zentrale Exekuktive nämlich nicht nur zum Erzeugen von Sprache, was ja an sich schon schwer genug ist. Wir brauchen sie auch noch für das Entwickeln, Organisieren und Bewerten von Ideen. Und dann brauchen wir ja auch noch genug „Rechenkraft“ für den Monitor, sonst bricht alles zusammen.

Gleichzeitig haben wir ja auch immer noch den Text im Kopf beziehungsweise das, was man als mentale Repräsentation des Textes bezeichnet: eine Vorstellung davon, wie der Text später einmal sein soll (ebd.). Es gibt noch weitere mentale Repräsentationen beim Schreiben, doch die sind so wichtig, dass sie einen eigenen Text verdient haben.

Was tun?

Schreiben ist also eine große Herausforderung für das Arbeitsgedächtnis und vor allem die zentrale Exekutive. Die Frage ist nun: Kann man das Arbeitsgedächtnis entlasten? Ja! Wie? Mit zwei Vorgehensweisen:

  • den Schreibprozess zerlegen
  • so viel schreiben wie möglich

Das Beste vorweg: Sie können beides kombinieren.

Den Schreibprozess zerlegen – nie wieder Multitasking

Ein Tipp, der oft gegeben wird, ist es, den Schreibprozess in kleine Teilschritte zu zerlegen (z. B. schlagen das Girgensohn & Sennewald, 2012, S. 22 vor). Was heißt das?

Es heißt, dass Sie sich immer voll und ganz auf das konzentrieren, was Sie gerade machen. Zum Beispiel, dass Sie nicht über Formulierungen, „guten Stil“ oder Groß- und Kleinschreibung und Zeichensetzung nachdenken, wenn Sie gerade versuchen, Ihren Text schriftlich zu gliedern. Das kommt später, nämlich dann, wenn Sie überarbeiten.

Außerdem können Sie nicht recherchieren, während Sie gerade Ihre Rohfassung niederschreiben. Sonst kann es nämlich schnell passieren, dass Sie nicht mehr recherchieren, sondern abschreiben. Das mögliche Ergebnis: ein versehentliches Plagiat.

Sprich: Kein Multitasking und stattdessen Singletasking, alles zu seiner Zeit. Und die dauert so lange, wie Sie es für richtig halten.

So viel schreiben wie möglich

Auch der zweite Tipp ist weder neu noch „fancy“, sondern basiert auf einer ganz banalen Tatsache: Wir können etwas nur dann besser, wenn wir es auch regelmäßig machen. Warum sollte das beim Schreiben anders sein? Wir brauchen also Schreibroutine.

Wenn wir viel Schreibroutine haben, dann belasten uns die zahlreichen Anforderungen nicht mehr, die mit dem Schreiben verbunden sind – ob Tippen oder Formulieren (Girgensohn & Sennewald, 2012, S. 31).

Das Tolle: Wenn wir viel schreiben, dann brauchen wir beim Schreiben nicht mehr ans Schreiben zu denken, es geht uns einfach von der Hand. Das heißt: Wir können dann nicht mehr nur an uns selbst, an unser eigenes Schreiben, denken, sondern auch an andere. Die anderen, das sind diejenigen, die unseren Text einmal lesen müssen. Wir können schon während des Schreibens reflektieren, wie unser Text später einmal auf unsere Leser wirken könnte und unser Schreiben an diesen Überlegungen ausrichten. Und das alles, ohne schon während des Schreibens ständig etwas umformulieren zu müssen. Dann hat sich auch Ihr Monitor „weiterentwickelt“.

Kombination: ständiges Schreiben

Beide Vorgehensweisen – den Schreibprozess zerlegen und so viel schreiben, wie möglich ؘ– lassen sich kombinieren. Und zwar, in dem Sie jede einzelne Teilaufgabe schreibend lösen.

Wer eine Haus- oder Abschlussarbeit schreiben muss, denkt oft, schreiben hieße, in einem bestimmten Moment mit einem Mal ganz viele Seiten Text zu produzieren. Dieser Moment sei dann eingetreten, wenn alles Material gelesen, alle Informationen strukturiert und alles perfekt ist.

Das ist aber eine sehr produktbezogene Sichtweise. Das Schreiben wird quasi „von hinten“ verstanden. Diese Sichtweise kann aber problematisch werden, wenn man noch nie zuvor einen längeren Text geschrieben hat. Denn wann macht man was? Wann ist der „bestimmte Moment“ eingetreten?

Machen Sie jeden Moment, den Sie mit Ihrem Schreibprojekt verbringen, zu diesem „bestimmten Moment“, und zwar durch „ständiges Schreiben“.

Das heißt: Sie erledigen alles, was mit Ihrem Text zu tun hat, schreibend. Von der Planung über die Recherche bis hin zum Formulieren der Rohfassung.

Sie brauchen keine bunten Bildchen oder gar „Motivation“, weil Sie ständig im Schreibprozess stecken und sich gar nicht erst zum Schreiben „motivieren“ müssen.

Wort für Wort zum fertigen Text

Was heißt das praktisch? Dazu ein Beispiel: die gute, alte Literaturrecherche. Sie können natürlich alle Texte, die Sie für Ihr Schreibprojekt lesen, mit Stiften bemalen, auf einen Stapel legen und erst dann wieder in die Hand nehmen, wenn Sie Ihre Rohfassung schreiben. Aber spätestens dann, wenn Sie sich einen Text nehmen, den Sie vor Monaten zum letzten Mal in der Hand gehalten und angemalt haben, werden Sie wahrscheinlich nicht mehr wissen, was dieser Text mit Ihrem Projekt zu tun hat. „Warum habe ich ausgerechnet diesen Satz unterstrichen?“, „Was hat dieses Wort mit meiner Bachelor-Arbeit zu tun?“.

Am besten, Sie „lesen schreibend“. Das heißt: Immer, wenn Sie einen Text lesen, machen Sie sich Lesenotizen: Sie schreiben jeden Gedanken nieder, den Sie interessant und passend finden. Dazu noch ein Literaturbeleg und Sie müssen in ein paar Monaten noch nicht einmal lange suchen. Diese Notizen können Sie beispielsweise in einem digitalen Zettelkasten lagern und mit Schlagworten versehen.

Ähnlich können Sie auch beim Ideengenerieren vorgehen. Dabei können Sie eine Schreibstrategie anwenden, die Nadja Sennewald (2014, S. 174) als „Einen-Text-zu-einer-Idee-Schreiben“ bezeichnet.

Das heißt nichts weiter als: Sie wählen einen Begriff und schreiben frei alles auf, was Ihnen dazu einfällt. Das kostet Überwindung, wenn Sie so etwas noch nie zuvor gemacht haben, weil Sie ständig versuchen werden, etwas zu korrigieren. Aber Sie lassen sich darauf ein, etwas irgendwo in Ihrem Kopf zu entdecken, vielleicht etwas, an das Sie vorher nie gedacht hatten.

Das heißt: Statt auf den „bestimmten Moment“ hinzuarbeiten, in denen Ihnen irgendein genialer Text „zugeflogen“ kommt, können Sie den Entstehungsprozess Ihres Textes selbst nutzen, um immer mehr Schreibroutine zu erhalten.

Natürlich gibt es noch weitere Faktoren, die notwendig sind, damit Sie Ihr Arbeitsgedächtnis „schreibfit“ machen können. Zum Beispiel brauchen Sie noch regelmäßiges Feedback und immer schwerer werdende Aufgaben. Aber mit „ständigem Schreiben“ kommen Sie einer gut ausgeprägten Schreibroutine in großes Stück näher: Sie werden Wort für Wort besser.

Monitor: Zusammenfassung

Flower & Hayes (1981) bezeichnen den Monitor als „inneren Schreibstrategen“, der den Schreibprozess überwacht und steuert. Das ist wichtig, denn das hält den Schreibprozess im Inneren zusammen.

Doch der Monitor benötigt aber Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses, vor allem der zentralen Exekutive. Blöderweise ist das Schreiben ohnehin schon belastend genug für das Arbeitsgedächtnis.

Es ist also wichtig, das Arbeitsgedächtnis beim Schreiben zu entlasten. Das geht, indem Sie:

  • den Schreibprozess in kleine Teilaufgaben zerlegen
  • viel schreiben

Beides können Sie zum „ständigen Schreiben“ kombinieren: indem Sie jede einzelne Teilaufgabe schreibend lösen.

So können Sie besser werden – Wort für Wort.

Literatur

Flower, L., & Hayes, J. R. (1981). A cognitive process theory of writing. College composition and communication, 32(4), 365-387.

Girgensohn, K., & Sennewald, N. (2012). Schreiben lehren, Schreiben lernen. Eine Einführung. Darmstadt: WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).

Hayes, J. R. (1996 [2014]). Kognition und Affekt beim Schreiben. Ein neues Konzept. In S. Dreyfürst, & N. Sennewald (Hrsg.), Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 57-86). Opladen: Verlag Barbara Budrich.

Kellogg, R. T. (2008). Training writing skills: A cognitive developmental perspective. Journal of Writing Research, 1(1), 1-26.

Sennewald, N. (2014). Schreibstrategien. Ein Überblick. In S. Dreyfürst, & N. Sennewald (Hrsg.), Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 169-192). Opladen: Verlag Barbara Budrich.