Augenbewegungen beim Lesen: Einführung in die psychologische Leseforschung

Ohne sie wäre Lesen nicht möglich – Augenbewegungen. Doch wie bewegen sich unsere Augen beim Lesen? Und warum ist das interessant? Das erfahren Sie in diesem Artikel.

In dieser Artikelreihe gebe ich Ihnen einen Einblick in die Augenbewegungen beim Lesen Im Bild: Eine Katze und ein Buch.

Viele denken, dass wir beim Lesen Informationen über die Augen in den Kopf ziehen. Als wären unsere Augen ein Scanner und unser Bewusstsein ein Bildschirm, auf dem der Text erscheint. Doch ganz so einfach ist es nicht.

In diesem Artikel erfahren Sie etwas mehr über Augenbewegungen beim Lesen. Danach gehen wir in die Schreibpraxis. Dann können wir uns nämlich mit einer spannenden Frage beschäftigen: Kann man „augenfreundlich“ schreiben? Sprich: Kann man mit den Erkenntnissen der Leseforschung so schreiben, dass Leser einen Text besser verstehen können? Um Ihnen schon mal einen kleinen Vorgeschmack zu geben: Es geht – aber anders, als Sie jetzt vielleicht denken.

Doch nun fangen wir erst mal an. Nämlich damit, wofür wir Augenbewegungen überhaupt brauchen.

Das visuelle Feld

Augenbewegungen sind wichtig, weil wir immer nur einen kleinen Ausschnitt unserer Umwelt wahrnehmen können. Dieser Ausschnitt liegt in einem bestimmten Bereich: dem visuellen Feld. Das befindet sich um einen Punkt herum: den Fixationspunkt.

Das visuelle Feld kann in drei Regionen eingeteilt werden: Fovea, Parafovea und Peripherie.

In jeder dieser drei Regionen können wir unterschiedlich scharf sehen. Am schärfsten sehen wir in der Fovea. Dort erkennen wir die meisten Buchstaben. Und je weiter etwas außerhalb der Fovea liegt, desto unschärfer ist es. Doch das heißt natürlich nicht, dass wir nur Dinge wahrnehmen können, die sich in der Fovea befinden. Wir nehmen auch Dinge war, die in der Peripherie liegen, also weiter weg von der Fovea. Diese Dinge können wir aber nicht so gut verarbeiten wie die, die nahe am Fixationspunkt liegen. Doch sie können uns beim Lesen helfen. Ein Beispiel dafür ist das Layout des Textes. Das können wahrnehmen und die nächsten Wörter erahnen, um die nächsten Augenbewegungen zu planen.1Rayner et al., 2006

Damit wir Wörter aber nicht nur erahnen, sondern auch bewusst wahrnehmen können, müssen sie in einem etwas engeren Feld sein: der Blickspanne.

Die Blickspanne

In der Blickspanne2Radach, Günther und Huestegge (2012) verwenden dieses Wort in ihrem deutschen Text. Im Englischen wird meist das Wort „perceptual span“ benutzt. Ich werde auch das Wort „Blickspanne“ benutzen. können wir etwa 15 Buchstaben wahrnehmen.3ebd. Innerhalb der Blickspanne gibt es einen weiteren, noch kleineren Bereich: die Wortererkennungsspanne. Hier können wir einzelne kurze Wörter identifizieren.4Rayner et al., 2016

Doch die Blickspanne ist nicht immer gleich groß. Wenn wir beispielsweise lesen, um eine Aufgabe zu lösen, ist sie weiter als sonst.5Kaakinen & Hyönä, 2014 Dann haben wir den Tunnelblick: Wir blenden Wörter und Sätze aus, die nichts mit unserer Aufgabe zu tun haben, und konzentrieren uns nur noch auf das, was für die Aufgabe relevant ist, zum Beispiel bestimmte Schlüsselwörter.

Weil die Worterkennungsspanne kleiner ist als die Blickspanne, müssen sich die Augen beim Lesen oft vorwärts tasten. Das ist wichtig, damit wir längere oder komplexere Wörter lesen können. Wenn wir das nicht machen würden, würden wir den Faden verlieren. Manche Forscher behaupten sogar, dass wir mehrere Wörter innerhalb der Blickspanne gleichzeitig verarbeiten.6Kliegl, Nuthmann & Engbert, 2006 Doch das ist umstritten.7Reichle, Liversedge, Pollatsek & Rayner, 2009

Ob wir jetzt nur eines oder mehrere Wörter gleichzeitig verarbeiten können, soll für uns aber nicht weiter wichtig sein. Viel wichtiger ist, dass sich die Blickspanne irgendwann mal weiterbewegen muss. Und das geht nur, wenn sich die Augen bewegen – vorwärts und rückwärts.

Vorwärts und rückwärts: Augenbewegungen beim Lesen

Ohne dass wir es bewusst merken, machen unsere Augen beim Lesen oft Sakkaden, ruckartige Bewegungen, von Wort zu Wort. Bei jedem Wort machen wir kurze Zwischenhalte: Fixationen. Doch nicht immer lesen wir auch von Wort zu Wort. Manchmal machen wir „skips“: Wir überspringen ein Wort. Und hin und wieder bewegen wir unsere Augen wieder zu Wörtern und Sätzen zurück, die wir schon gelesen haben – wir machen Regressionen. Ein bisschen ausführlicher:

Sakkaden

Sakkaden sind schnelle Augenbewegungen, bei denen wir die Fovea und somit die Blickspanne von Wort zu Wort bewegen. Das passiert ziemlich schnell, nämlich in 20 bis 35 Millisekunden.8Rayner et al., 2016, S. 9 Dabei können wir etwa sechs bis acht Buchstaben erfassen.9Radach et al., 2012, S. 186 Bei längeren Wörtern müssen wir also mehr Sakkaden machen. In den meisten Fällen gehen Sakkaden von links nach rechts. Das liegt vermutlich daran, dass wir in unserer Sprache von links nach rechts schreiben. Zwischen den Sakkaden macht das Auge kurz Pausen: Fixationen.

Fixationen und Refixationen

Bei einer Fixation macht das Auge einen kurzen Zwischenhalt. Bei einem langen oder schwierigen Wort kann das auch mehrfach passieren. Das sind dann Refixationen. Fixationen dauern unterschiedlich lange.10Forscher scheinen sich nicht einig zu sein, wie lange genau Fixationen dauern. Zum Vergleich: Jardozka & Brand-Gruwel (2017, S. 193) schreiben 50 bis 1.500 Millisekunden, Radach et al. (2012, S. 186) 220 bis 250 Millisekunden. Wichtig ist hier aber, dass es sich hier um Mittelwerte handelt. Und Mittelwerte streuen häufig sehr stark. Doch wir fixieren beim Lesen nicht immer jedes einzelne Wort.

Skips

Oft überspringen wir einzelne Wörter: Wir machen „skips“. Besonders oft passiert das bei sehr kurzen Wörtern. Aber auch wenn ein Wort häufig vorkommt oder leicht zu verstehen ist, wird es wahrscheinlich übersprungen.11Radach et al, 2012, S. 187; Rayner et al., 2016, S. 9

Das ist übrigens auch ein Grund dafür, warum wie viele Fehler übersehen, wenn sich zwei Wörter ähnlich sehen. So ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie den Fehler im letzten Satz übersehen haben.12Ich habe „wie“ statt „wir“ geschrieben. Weitere Fehler, die man deshalb oft überliest, sind „seid“/“seit“, „das“/“dass“ oder „mir“/“mit“. Dann lesen wir das falsch geschriebene Wort und verstehen meistens sofort, was gemeint ist. Deshalb ist Korrekturlesen auch so eine anspruchsvolle Aufgabe: Man muss Wort für Wort lesen und lernen, seine Augenbewegungen bewusst zu steuern, soweit das möglich ist.

Interessant ist auch das, was passiert, wenn wir eine Aufgabe beim Lesen haben. Dann ist es nämlich wahrscheinlich, dass wir Wörter, die etwas mit unserer Aufgabe zu tun haben, eher überspringen als Wörter, die gerade irrelevant sind.13Kaakinen & Hyönä, 2007

So viel zu den Vorwärts-Augenbewegungen. Oft geht es aber auch rückwärts.

Regressionen und return sweeps: Rückwärtssakkaden

Wie bereits geschrieben, verläuft Lesen in westlichen Sprachen von links nach rechts. Doch manchmal bewegen wir die Augen auch anders herum, also von rechts nach links. Dann machen wir Rückwärtssakkaden. Diese Rückwärtssakkaden können entweder kurz oder lang sein. Am interessantesten sind die kurzen Rückwärtssakkaden: die Regressionen.

Regressionen beim Lesen

Wir machen Regressionen, um ein Wort oder einen ganzen Satz noch einmal zu lesen.14Jarodzka & Brand-Gruwel, 2017 Das kann besonders oft dann passieren, wenn ein Text inkohärent ist, also keinen logischen und inhaltlichen Zusammenhang hat.15Vauras, Hyönä, & Niemi, 1992

Wenn wir ein bereits gelesenes Wort noch mal fixieren, dann verlangsamt das natürlich den Leseprozess um wenige Millisekunden. Deshalb empfehlen Verfechter des Speed Readings auch, sich die Regressionen abzutrainieren, um schneller lesen zu können. Das klingt plausibel und ist auch an und für sich sinnvoll – zumindest dann, wenn man möglichst schnell die Augen über den Text bewegen will und hofft, dabei so viele Informationen wie möglich mitzunehmen. Wenn man aber lesen will, um bewusst Informationen aufzunehmen, scheinen Regressionen wichtig zu sein, um einen Text zu verstehen. Dafür gibt es auch Belege aus der Leseforschung.

So fanden Schotter, Tran und Rayner162014 in einer Studie heraus, dass Versuchspersonen, die Sätze nur vorwärts lesen konnten, weniger verstanden als Versuchspersonen, die Regressionen machen durften.17Weil beim Lesen alles, was die Versuchspersonen schon gelesen hatten, automatisch mit einem X unlesbar gemacht wurde. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Booth und Weger182013 in drei Experimenten. Sie vermuten, dass Leser Regressionen machen, um schwierige Textpassagen noch einmal zu lesen. Wer in ihren Experimenten nämlich keine Regressionen machen durfte und das wusste, machte auch keine – und verstand weniger vom Text.

Regressionen scheinen ein Korrekturmechanismus beim Lesen zu sein. Wenn wir einen Satz falsch verstanden haben, springen wir zurück, um diesen Verständnisfehler zu beheben.19Rayner et al., 2016 Deshalb werden Regressionen auch oft in der Leseforschung untersucht, um herauszufinden, ob ein Satz schwer oder leicht zu verarbeiten ist.20Wolfer, Held und Hansen-Schirra (2015, S. 116) schreiben über den Regressionspfad: die Summe aller erneuten Fixationen von vorherigen Textabschnitten. Wenn ein Leser also von einer Textpassage oft zurückspringen muss, bevor er weiterlesen kann, dann ist der Regressionspfad für die entsprechende Stelle sehr lang. Deshalb gilt der Regressionspfad für viele Forscher als ein Mittel, um Störungen im Leseprozess zu untersuchen (Wolfer, Hansen-Morath & Konieczny, 2015).

Regressionen sind kurze Rückwärtssakkaden, also sehr schnelle Bewegungen. Wir machen aber auch noch lange Sakkaden, wenn wir ans Ende einer Zeile kommen. Dann machen wir „return sweeps“:21Rayner et al., 2016 Wir springen vom Ende der aktuellen Zeile zum Anfang der nächsten. Dabei können wir natürlich verrutschen und müssen erneut fixieren, um den Fehler zu korrigieren. Doch das bemerken wir meistens nicht.

So viel zu den Augenbewegungen. Jetzt fragen Sie sich sicher:

Warum sind Augenbewegungen beim Lesen interessant?

Lesen ist nicht kopieren. Wir richten nicht einfach unser Auge auf einen Text und ziehen dann die darin enthaltenen Informationen ins Gehirn. Wir müssen diese Informationen erst mal verstehen.

Ohne Textverstehen würden wir den Text nämlich einfach nur anschauen – und hätten keine Ahnung, was darin steht. Doch das machen wir eher selten. Meistens wissen wir mehr oder weniger genau, was in dem Text steht. Irgendetwas muss also noch passieren auf dem Weg zwischen Anschauen und Lesen. Wir gehen davon aus, dass das wie so vieles andere im Gehirn geschieht. Doch was geschieht im Kopf des Lesers?22So lautet übrigens auch der Titel eines Kapitels zu genau diesem Thema (Schnotz, 2006). Kurzantwort: Das weiß niemand so genau. Und vielleicht werden wir es auch niemals wissen. Denn selbst wenn wir dem Leser den Kopf aufschneiden würden, um zu schauen, was darin geschieht; wir würden nur graue Gehirnmasse sehen.

Doch das heißt nicht, dass wir nicht versuchen können, es herauszufinden, und das ganz ohne jemandem den Kopf aufschneiden. Wie? So wie wir es oft machen können, wenn wir ein Verhalten,23Damit meine ich hier denken. Viele Menschen unterscheiden zwischen Verhalten und Denken, als wären es zwei grundverschiedene Dinge. Doch im Prinzip ist diese Einteilung überflüssig und wissenschaftlich bedenklich, weil sie statt einer möglichst einfachen Erklärung für einen Sachverhalt neue Erklärungen für die versuchte Erklärung des Sachverhaltes notwendig macht. Und das kann dann schnell zu überkomplexen Theorien führen, die sich nur noch um sich selbst drehen und nicht mehr um den ursprünglich zu erklärenden Sachverhalt. Insgesamt schadet die künstliche Trennung zwischen Denken und Machen eher, als dass sie nutzt. das wir nicht direkt beobachten können, beobachten wollen: Wir untersuchen stattdessen ein Verhalten, das wir beobachten können. So können wir Rückschlüsse auf das unbeobachtbare Verhalten ziehen und es ein bisschen besser verstehen. Ein besonders interessantes beobachtbares Verhalten sind die Augenbewegungen beim Lesen.

Die Eye-mind-Annahme: Was fixiert wird, wird verarbeitet

Viele Leseforscher vertreten die Eye-Mind-Annahme.24Im Englischen „eye-mind assumption“ (Just & Carpenter, 1980). Sie denken, dass es eine direkte Verbindung zwischen Augen und Geist gibt: Die Zeit, in der wir ein Wort fixieren, spiegelt auch die geistige Verarbeitung genau dieses Wortes wider. Bedeutet: Das Gehirn verarbeitet das Wort, während wir es lesen.

Dass an dieser Annahme etwas dran sein könnte, zeigt ein Studienergebnis. Henderson und Kollegen25Henderson, Choi, Luke, & Desai (2015) fanden mit einem fMRT26Funktioneller Magnetresonanztomograf. Ganz grob vereinfacht: Ein fMRT ist ein Gerät, mit dem man herausfinden kann, in welchen Gehirnregionen Sauerstoff verbraucht wird. Wenn in einer Gehirnregion viel Sauerstoff verbraucht wird, nimmt man an, dass diese Region für eine bestimmte Aufgabe wichtig ist. heraus, dass es einen starken Zusammenhang gibt zwischen der Fixationsdauer beim Lesen und Aktivität in Gehirnregionen, die unter anderem wichtig sind für Aufmerksamkeit, Kontrolle von Augenbewegungen und Sprachverarbeitung – alles Dinge, die fürs Lesen wichtig sind. Diesen Zusammenhang gab es aber nur, wenn die Versuchspersonen einen richtigen Text lasen. Wenn die Studienteilnehmer in einer Kontrollgruppe einen „Nicht-Text“ lasen, in dem alle Buchstaben und Wörter durch geometrische Zeichen ersetzt waren, gab es den Zusammenhang nicht. Es reicht also nicht, einfach nur die Augen zu bewegen; man muss sie auch über Text bewegen, damit das Gehirn in den Lesemodus kommt.

Doch wie vieles andere in der Wissenschaft ist natürlich auch die Eye-Mind-Annahme umstritten.

Kritik an der Eye-mind-Annahme: Verstehensprozess oder Verstehensprodukt?

Die Psychologin Ursula Christmann27Christmann, 2004, S. 36 findet es problematisch, einen Rückschluss von der gemessenen Zeit auf geistige Aktivität beim Lesen zu ziehen. Warum? Weil der geistige Verarbeitungsaufwand beim Textverstehen nicht einfach nur davon abhängt, wie lange man bestimmte Wörter oder Sätze liest. Er hängt laut Christmann auch von anderen Dingen ab, zum Beispiel

  • Interesse,
  • Aufmerksamkeit,
  • Wissen.

Und natürlich hängt Textverstehen entscheidend von der Sprache ab, also von Wortwahl, Satzbau, Stil und vielem mehr.

Christmann empfiehlt also, zwischen Verstehensprozess und Verstehensprodukt zu unterscheiden. Also im Prinzip zwischen dem „Weg“ zum verstandenen Text (gemessen unter anderem durch Augenbewegungen, Lesezeiten oder Ähnlichem) und dem verstandenen Text (gemessen durch Aufgaben, mit denen geprüft wird, ob man den Text verstanden hat). Mit den Augenbewegungen kann man laut Christmann nur den Verstehensprozess untersuchen – und sonst nichts.

Das klingt plausibel. Wichtig ist hier aber noch zu erwähnen, dass unsere Augenbewegungen nicht immer gleich sind. Sie hängen zum Beispiel sehr stark davon ab, warum wir lesen,28z. B. Kaakinen & Hyönä, 2007; Kaakinen & Hyönä, 2010; Kaakinen & Hyönä, 2014 und wie konzentriert wir sind.29z. B. Reichle, Reineberg & Schooler, 2010 Und auch sprachliche Dinge wie Wortlänge und -schwierigkeit haben starke Auswirkungen auf die Augenbewegungen. Ein Beispiel dafür ist der Spillover-Effekt: Wenn man ein Wort liest, das nicht so häufig und geläufig ist, dann wird auch das darauffolgende Wort länger fixiert.30Rayner & Duffy, 1986 Es gibt noch mehr solcher Effekte. Ich werde sie im nächsten Teil dieser Artikelreihe behandeln.

Langer Rede kurzer Sinn: Nicht nur das Textverstehen hängt von den Faktoren ab, die Christmann nennt, sondern auch die Augenbewegungen beim Lesen.

Interessant ist auch hier wieder ein Studienergebnis. Van Silfhout und Kollegen31van Silfhout, Evers-Vermeul, Mak, & Sanders, 2014 kombinierten verschiedene Forschungsmethoden, um sowohl den Verstehensprozess als auch das Verstehensprodukt zu messen.32Das ist sonst eher die Ausnahme in der Leseforschung. Die meisten Forscher beschränken sich nämlich auf eines von beidem: Verstehensprozess oder Verstehensprodukt. Dabei fanden sie einen negativen Zusammenhang zwischen Verstehensprozess und Verstehensprodukt. Bedeutet: Versuchspersonen, die den Text schneller lasen, verstanden auch mehr vom Text und umgekehrt. Vielleicht ist also doch etwas dran an der Eye-mind-Annahme …

Wenn Sie diesen Text bis hierher gelesen haben, stellen Sie sich jetzt vielleicht eine besonders wichtige Frage:

Was bedeutet das für meine Schreibpraxis?

Augenbewegungen beim Lesen hängen vermutlich eng mit dem Textverstehen zusammen. Heißt das jetzt, dass wir besser schreiben können, wenn wir dabei Rücksicht auf die Augenbewegungen unserer Leser nehmen? Sprich: Können wir„augenfreundlich“ und somit „gehirngerecht“ schreiben?

Diese Frage ist so wichtig, dass sie einen eigenen Artikel verdient hat. So viel kann ich Ihnen aber an dieser Stelle aber schon verraten: Jein. Denn wie so oft kommt es ganz darauf an. Zum Beispiel darauf, was Textverständlichkeit für Sie bedeutet. Oder ob Sie nicht doch eher Lesbarkeit meinen. Doch damit geht es beim nächsten Mal weiter.

Mehr über die psychologische Leseforschung

Wie funktioniert Lesen? Ein Einblick in die psychologische Leseforschung

Literatur

Booth, R. W., & Weger, U. W. (2013). The function of regressions in reading: Backward eye movements allow rereading. Memory & Cognition, 41(1), 82–97. DOI: 10.3758/s13421-012-0244-y

Christmann, U. (2004). Verstehens- und Verständlichkeitsmessung: Methodische Ansätze in der Anwendungsforschung. In K. D. Lerch (Hrsg.), Recht verstehen: Verständlichkeit, Missverständlichkeit und Unverständlichkeit von Recht (S. 33–62). Berlin: Walter de Gruyter.

Henderson, J. M., Choi, W., Luke, S. G., & Desai, R. H. (2015). Neural correlates of fixation duration in natural reading: Evidence from fixation-related fMRI. NeuroImage 119, 390–397. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2015.06.072

Jarodzka, H., & Brand-Gruwel, S. (2017). Tracking the reading eye: Towards a model of real-world reading. Journal of Computer Assisted Learning, 33, 193–201.

Just, M. A., & Carpenter, P. A. (1980). A theory of reading: From eye fixations to comprehension. Psychological Review, 87(4), 329–354.

Kaakinen, J. K., & Hyönä, J. (2007). Perspective effects in repeated reading: An eye movement study. Memory & Cognition, 35(6), 1323–1336.

Kaakinen, J. K., & Hyönä, J. (2010). Task effects on eye movements during reading. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 36(6), 1561–1566. DOI: 10.1037/a0020693

Kaakinen, J. K., & Hyönä, J. (2014). Task relevance induces momentary changes in the functional visual field during reading. Psychological Science, 25(2), 626–632. DOI: 10.1177/0956797613512332

Kaakinen, J. K., & Hyönä, J. (2007). Perspective effects in repeated reading: An eye movement study. Memory & Cognition, 35(6), 1323–1336.

Kliegl, R., Nuthmann, A., & Engbert, R. (2006). Tracking the mind during reading: The influence of past, present, and future words on fixation durations. Journal of Experimental Psychology: General, 135(1), 12–35.

Radach, R., Günther, T., & Huestegge, L. (2012). Blickbewegungen beim Lesen, Leseentwicklung und Legasthenie. Lernen und Lernstörungen 1(3), 185–204.

Rayner, K., & Duffy, S. A. (1986). Lexical complexity and fixation times in reading: Effects of word frequency, verb complexity, and lexical ambiguity. Memory & Cognition, 14(3), 191–201.

Rayner, K., Schotter, E. R., Masson, M. E., Potter, M. C., & Treiman, R. (2016). So Much to Read, So Little Time How Do We Read, and Can Speed Reading Help? Psychological Science in the Public Interest, 17(1), 4–34.

Reichle, E. D., Reineberg, A. E., & Schooler, J. W. (2010). Eye movements during mindless reading. Psychological Science, 21(9), 1300–1310.

Reichle, E. D., Liversedge, S. P., Pollatsek, A., & Rayner, K. (2009). Encoding multiple words simultaneously in reading is implausible. Trends in Cognitive Sciences, 13(3), 115–119.

Schnotz, W. (2006). Was geschieht im Kopf des Lesers? Mentale Konstruktionsprozesse beim Textverstehen aus der Sicht der Psychologie und der kognitiven Linguistik. In H. Blühdorn, E. Breindl, & U. W. Waßner (Hrsg.), Text – Verstehen, Grammatik und darüber hinaus (S. 222–238). Berlin: de Gruyter.

Schotter, E. R., Tran, R., & Rayner, K. (2014). Don’t believe what you read (only once): Comprehension is supported by regressions during reading. Psychological Science, 25(6), 1218–1226.

Van Silfhout, G., Evers-Vermeul, J., Mak, W. M., & Sanders, T. J. (2014). Connectives and layout as processing signals: How textual features affect students’ processing and text representation. Journal of Educational Psychology, 106(4), 1036–1048. DOI: 10.1037/a0036293

Vauras, M., Hyönä, J., & Niemi, P. (1992). Comprehending coherent and incoherent texts: Evidence from eye movement patterns and recall performance. Journal of Research in Reading, 15(1), 39–54.

Wolfer, S., Hansen-Morath, S., & Konieczny, L. (2015). Are shorter sentences always simpler? Discourse level processing consequences of reformulating jurisdictional texts. Translation and Comprehensibility, 72, 263–287.

Wolfer, S., Held, U., & Hansen-Schirra, S. (2015). Verstehen und Verständlichkeit von populärwissenschaftlichen Texten: Das Projekt PopSci – Understanding Science. Information. Wissenschaft & Praxis, 66(2–3), 111–119. DOI: 10.1515/iwp-2015-0024

Anmerkungen   [ + ]

1. Rayner et al., 2006
2. Radach, Günther und Huestegge (2012) verwenden dieses Wort in ihrem deutschen Text. Im Englischen wird meist das Wort „perceptual span“ benutzt. Ich werde auch das Wort „Blickspanne“ benutzen.
3. ebd.
4. Rayner et al., 2016
5. Kaakinen & Hyönä, 2014
6. Kliegl, Nuthmann & Engbert, 2006
7. Reichle, Liversedge, Pollatsek & Rayner, 2009
8. Rayner et al., 2016, S. 9
9. Radach et al., 2012, S. 186
10. Forscher scheinen sich nicht einig zu sein, wie lange genau Fixationen dauern. Zum Vergleich: Jardozka & Brand-Gruwel (2017, S. 193) schreiben 50 bis 1.500 Millisekunden, Radach et al. (2012, S. 186) 220 bis 250 Millisekunden. Wichtig ist hier aber, dass es sich hier um Mittelwerte handelt. Und Mittelwerte streuen häufig sehr stark.
11. Radach et al, 2012, S. 187; Rayner et al., 2016, S. 9
12. Ich habe „wie“ statt „wir“ geschrieben.
13. Kaakinen & Hyönä, 2007
14. Jarodzka & Brand-Gruwel, 2017
15. Vauras, Hyönä, & Niemi, 1992
16. 2014
17. Weil beim Lesen alles, was die Versuchspersonen schon gelesen hatten, automatisch mit einem X unlesbar gemacht wurde.
18. 2013
19. Rayner et al., 2016
20. Wolfer, Held und Hansen-Schirra (2015, S. 116) schreiben über den Regressionspfad: die Summe aller erneuten Fixationen von vorherigen Textabschnitten. Wenn ein Leser also von einer Textpassage oft zurückspringen muss, bevor er weiterlesen kann, dann ist der Regressionspfad für die entsprechende Stelle sehr lang. Deshalb gilt der Regressionspfad für viele Forscher als ein Mittel, um Störungen im Leseprozess zu untersuchen (Wolfer, Hansen-Morath & Konieczny, 2015).
21. Rayner et al., 2016
22. So lautet übrigens auch der Titel eines Kapitels zu genau diesem Thema (Schnotz, 2006).
23. Damit meine ich hier denken. Viele Menschen unterscheiden zwischen Verhalten und Denken, als wären es zwei grundverschiedene Dinge. Doch im Prinzip ist diese Einteilung überflüssig und wissenschaftlich bedenklich, weil sie statt einer möglichst einfachen Erklärung für einen Sachverhalt neue Erklärungen für die versuchte Erklärung des Sachverhaltes notwendig macht. Und das kann dann schnell zu überkomplexen Theorien führen, die sich nur noch um sich selbst drehen und nicht mehr um den ursprünglich zu erklärenden Sachverhalt. Insgesamt schadet die künstliche Trennung zwischen Denken und Machen eher, als dass sie nutzt.
24. Im Englischen „eye-mind assumption“ (Just & Carpenter, 1980).
25. Henderson, Choi, Luke, & Desai (2015
26. Funktioneller Magnetresonanztomograf. Ganz grob vereinfacht: Ein fMRT ist ein Gerät, mit dem man herausfinden kann, in welchen Gehirnregionen Sauerstoff verbraucht wird. Wenn in einer Gehirnregion viel Sauerstoff verbraucht wird, nimmt man an, dass diese Region für eine bestimmte Aufgabe wichtig ist.
27. Christmann, 2004, S. 36
28. z. B. Kaakinen & Hyönä, 2007; Kaakinen & Hyönä, 2010; Kaakinen & Hyönä, 2014
29. z. B. Reichle, Reineberg & Schooler, 2010
30. Rayner & Duffy, 1986
31. van Silfhout, Evers-Vermeul, Mak, & Sanders, 2014
32. Das ist sonst eher die Ausnahme in der Leseforschung. Die meisten Forscher beschränken sich nämlich auf eines von beidem: Verstehensprozess oder Verstehensprodukt.

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