Hilft schlechte Laune beim Schreiben? Eine Studie

Manchmal sind wir einfach nicht in der „richtigen Schreibstimmung“. Vor allem, wenn wir schlechte Laune haben. Doch es sieht danach aus, als ob uns schlechte Laune beim Schreiben sogar helfen kann. Das zeigt zumindest das Ergebnis einer Studie. Diese Studie stelle ich Ihnen in diesem Artikel vor.

Hilft schlechte Laune beim Schreiben? Es sieht ganz danach aus. Warum erfahren Sie in diesem Artikel.
Es gibt viele Gründe, nicht zu schreiben. Zum Beispiel Schreibblockaden oder Zeitprobleme. Aber einer der Hauptgründe, warum wir oft nicht schreiben, ist ein ganz anderer: Wir haben keine Lust. Warum haben wir keine Lust? Das kann verschiedene Gründe haben. Oft fehlt uns die „Schreibmotivation“, die „richtige Stimmung“ zum Schreiben.

Das finden viele furchtbar tragisch und versuchen, sich in die „optimale Schreibstimmung“ zu versetzen – mit Ratgebern, Rauschmitteln und Ritualen. Doch das ist oft Zeitverschwendung. In der Zeit, in der Sie versuchen, sich selbst zu motivieren, könnten Sie nämlich viel sinnvollere Dinge machen – Schreiben zum Beispiel.

Manche haben kein Problem damit, in einer bestimmten Stimmung zu sein. Sie sind schon in Stimmung, haben Laune. Das „Problem“: Sie sind traurig oder wütend oder ängstlich oder alles auf einmal. Sie haben „schlechte Laune“.

Sei doch mal positiv!

Schlechte Laune ist unbeliebt. Wer schlechte Laune hat, verstößt gegen ein ungeschriebenes Gesetz in unserer Gesellschaft:

„Sei positiv, sonst wirst du bestraft. Und zwar von deinen Mitmenschen, der Gesellschaft, dem Markt oder dem Universum. Also vermeide alles Negative!“

Doch natürlich können wir nicht immer positiv sein. Wir „machen“ unsere Laune nämlich nicht selbst, sie kommt einfach über uns. Oft dann, wenn wir sie gar nicht brauchen. Zum Beispiel, weil wir gerade etwas zu tun haben, nämlich Schreiben. Und schlechte Laune beim Schreiben können wir nun gar nicht gebrauchen …

Schlechte Laune beim Schreiben

Was können Sie machen, wenn Sie einen Text schreiben sollen oder wollen, aber gerade schlechte Laune haben? Sie haben drei Möglichkeiten:

  • Sie denken positiv.
    • Es gibt keine Probleme, es gibt nur Herausforderungen. Die Art und Weise, wie wir denken, erschafft unsere Realität. Wenn wir negativ denken und fühlen, dann wird uns das Universum auch negative Dinge liefern. Das Universum ist nämlich ein Versandhandel, bei dem wir mit unseren Gefühlen und Gedanken bezahlen. Und wenn die negativ sind, dann wird uns auch Negatives widerfahren. Also müssen wir uns „umprogrammieren“: von negativ zu positiv. Wie gut, dass Sie dieses hübsche Poster mit dem „Gute-Laune-Spruch“ gekauft haben. Das hilft Ihnen jetzt.
      • Das können Sie natürlich versuchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie danach noch schlechtere Laune haben als vorher, ist aber hoch (Wood, Perunovic & Lee, 2009). War dann wohl ein Lieferfehler im „Lagerhaus Universum“.
    • Sie lassen es bleiben und machen etwas anderes.
      • Müssen Sie jetzt überhaupt schreiben? Wenn nicht, könnten Sie auch etwas anderes machen. Sich wieder ins Bett legen zum Beispiel, oder irgendjemanden oder irgendetwas verprügeln. Dann ist die schlechte Laune vielleicht weg und Sie können endlich schreiben.
        • Das ist eine gute Möglichkeit, wenn Sie gerade nicht schreiben müssen. Wenn Sie es trotzdem müssen, verlieren Sie wertvolle Zeit und müssen eine Sonderschicht einlegen. Und dann haben Sie wieder schlechte Laune, noch schlechter als zuvor. Sie sind allein im Büro. Wen verprügeln Sie jetzt? Sie sind mitten drin in der Supply Chain des Universums.
      • Sie schreiben trotzdem.
        • Sie versuchen gar nicht erst, sich „umzuprogrammieren“. Sie werfen Ihr Poster mit „Gute-Laune-Spruch“ weg und lassen das Universum seine eigentliche Aufgabe machen, nämlich Universum sein – eine große Menge von Himmelskörpern, galaktischem Abfall und Nichts. Sie nehmen Ihr Handeln selbst in die Hand: Sie schreiben trotzdem.
          • Das ist die wahrscheinlich beste Möglichkeit, wenn Sie einen überzeugenden Text schreiben wollen oder sollen. Warum? Das erfahren Sie in diesem Artikel.

Schlechte Laune ist besser als ihr Ruf. Sie kann auch positive Auswirkungen auf unser Denken, Verhalten und Handeln haben.

Hat schlechte Laune positive Auswirkungen?

Der australische Sozialpsychologe Joseph P. Forgas untersucht schon seit langer Zeit die positiven Auswirkungen von schlechter Laune auf so ziemlich alles. Er und seine Teams konnten in verschiedenen Studien nachweisen, dass schlechte Laune positive Auswirkungen beispielsweise auf Folgendes haben kann:

  • Gedächtnis (z. B. Forgas, Goldenberg & Unkelbach, 2009; Forgas, Laham & Vargas, 2005)
  • Beurteilungsfähigkeiten: Schlecht gelaunte Versuchspersonen waren in einem Experiment weniger anfällig für Täuschung als gut gelaunte (Forgas & East, 2008a). Außerdem machten sie ihre Bewertungen von Texten weniger vom Aussehen des Verfassers abhängig (Forgas, 2011). Sie fielen seltener auf Lügen herein als gut gelaunte Versuchspersonen (Forgas & East, 2008b).

Nach den Ergebnissen von Forgas und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern scheint schlechte Laune also positive Auswirkungen auf das Denken zu haben. Doch wie sieht es mit Verhalten und Handeln aus? Es ist klar, dass schlechte Laune negative Auswirkungen auf unser Verhalten und Handeln haben kann: Wir ziehen uns zurück, wenn wir traurig sind, wir schimpfen und schlagen zu, wenn wir wütend sind, wir machen gar nichts mehr, wenn wir ängstlich sind. Doch kann schlechte Laune auch positive Auswirkungen auf unser Verhalten und Denken haben? Auch das wollte Forgas herausfinden.

Macht schlechte Laune überzeugender? Eine Studie von Joseph P. Forgas

In den nächsten Absätzen werde ich kurz eine „Schlechte-Laune-Studie“ von Forgas beschreiben. Zuerst beschreibe ich, was Forgas herausfinden wollte. Dann beschreibe ich, was er dafür gemacht hat und was dabei herauskam. Im letzten Absatz gehe ich dann darauf ein, was dieses Studienergebnis für Ihre persönliche Schreibpraxis bedeuten kann.

Was wollte Forgas herausfinden?

In seiner Studie wollte Forgas (2007) herausfinden, ob schlechte Laune dabei helfen kann, überzeugendere Argumente zu formulieren.

Was machte Forgas?

Forgas führte vier Experimente durch. Drei dieser vier Experimente liefen folgendermaßen ab: Die Versuchspersonen (australische Psychologiestudierende) wurden zunächst in gute oder schlechte Laune versetzt. Dazu sollten sie sich entweder fröhliche oder traurige Filme anschauen (Experiment 1), sich an ihr bisheriges Leben erinnern (Experiment 2) oder eine schwierige, nahezu unlösbare Aufgabe bearbeiten und bekamen dabei entweder ermutigendes oder provozierendes Feedback von den Versuchsleitern (Experiment 4).

Dann sollten sie Argumente zu kontroversen politischen Themen schreiben. In den ersten beiden Experimenten sollten sie die Argumente einfach nur auf ein Blatt Papier schreiben. Im vierten Experiment sollten sie eine E-Mail an eine mutmaßliche andere Person schreiben, die es aber in Wirklichkeit gar nicht gab.

Diese Argumente und E-Mails wurden dann hinsichtlich ihrer Überzeugungskraft von verschiedenen Personen bewertet. In den ersten beiden Experimenten und im vierten waren das rhetorisch geschulte, von Forgas’ Forschungsabteilung unabhängige, Personen. Im dritten Experiment waren es andere Studierende.

Insgesamt nahmen 558 Versuchspersonen an der Studie teil, verteilt auf alle vier Experimente.

Was kam dabei heraus?

Das für diesen Artikel wichtigste Ergebnis: Die Argumente von Versuchspersonen, die schlechte Laune beim Schreiben hatten, wurden als überzeugender eingeschätzt als diejenigen von gut gelaunten. Und das nicht nur von den rhetorisch geschulten Beurteilern, sondern auch von den anderen Studierenden im dritten Experiment. Die Argumente der schlecht gelaunten Versuchspersonen beeinflussten sogar die Einstellungen der Studierenden im dritten Experiment.

Doch nicht nur das: Die Argumente von schlecht gelaunten Versuchspersonen wurden auch als qualitativ hochwertiger und konkreter beurteilt als die Argumente von gut gelaunten.

Was heißt das für Ihre persönliche Schreibpraxis?

Zuerst eine einschränkende Bemerkung zu diesem Studienergebnis: Forgas hat in seinen Experimenten nicht erforscht, ob schlechte Laune beim Schreiben an sich hilft. Stattdessen wollte er herausfinden, ob schlechte Laune dabei helfen kann, sich überzeugender auszudrücken. Dazu ließ er schlecht gelaunte Versuchspersonen ihre Argumente schreiben. Wenn er das nicht gemacht hätte und sie beispielsweise ihre Argumente in einer Diskussion hätte vortragen lassen, wer weiß, was dann mit seiner Laborausstattung oder seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern passiert wäre. Möglicherweise wären viele Computer und Fäuste durch Forgas’ Labor geflogen …

Aber wir können das Ergebnis trotzdem auf das Schreiben übertragen. Warum? Weil wir nicht immer nur zum Spaß schreiben. Wir schreiben nicht immer, um Wissen zu vermitteln, und wir schreiben auch nicht immer, um unsere Gefühle auszudrücken. Manchmal schreiben wir auch, um zu überzeugen. Diese erzielte Überzeugung ist dann das, was Flower und Hayes (1981, S. 369) als „rhetorisches Problem“ bezeichnen, das wir mit unserem Text lösen wollen. Sei es in einer Stellungnahme zum Hartz-IV-Antrag, einem Selbstmord-Abschiedsbrief, einem Blog-Artikel, im Diskussionsteil einer wissenschaftlichen Arbeit oder sonst wo.

Texte haben nämlich viele verschiedene Funktionen. Dazu gehört auch die sogenannte „Appellfunktion“ (Ulmi et al, 2017, S. 35). Wie alle anderen Kommunikationsformen enthalten die meisten Texte Aufforderungen an das Verhalten des Lesers.

Das Ergebnis der Studie von Forgas zeigt, dass uns schlechte Laune möglicherweise dabei helfen kann, das Verhalten unserer Leser zu beeinflussen. Das heißt natürlich nicht, dass das immer gut ist. Wir können natürlich auch schlechte, schadhafte Absichten haben. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns immer dessen bewusst sind, was wir eigentlich wollen.

Hilft schlechte Laune beim Schreiben? Vielleicht!

Wenn Sie nicht schreiben wollen, weil Sie nicht in der „richtigen Stimmung“ sind, haben Sie mehrere Möglichkeiten: Sie können mit verschiedenen Psychotechniken versuchen, sich in die „richtige Stimmung“ zu versetzen. Doch das ist oft Zeitverschwendung. Sie können positives Denken betreiben. Aber dann machen Sie sich nur selbst etwas vor. Sie haben nämlich keine Kontrolle über Ihre Gefühle, die kommen so, wie sie gerade kommen, und zwar aus Ihnen selbst und nicht aus dem Zentrallager des Universums. Sie können das Schreiben auch sein lassen und etwas anderes machen. Doch dann verlieren Sie Zeit.

Oder Sie schreiben trotzdem. Je nachdem, was Sie vorhaben, könnte Ihnen Ihre schlechte Laune beim Schreiben sogar helfen.

Wenn Sie gerade nicht in „Schreibstimmung“ sind und trotzdem schreiben, kann noch etwas ganz anderes passieren: Es kann passieren, dass sich Ihre Stimmung verändert, Sie richtig in Fahrt kommen und einen richtig guten Text schreiben. Sie haben sich dann nicht auf unsichere „Techniken“ verlassen, um Ihre Gefühle zu verändern und dann handeln zu können. Sie sind vom Handeln zum Fühlen gekommen. Sprich: Sie sind genau andersherum gegangen.

Es ist möglich, dass dabei sogar ein guter Text herauskommt. Ein Text, den Sie nach all den künstlichen Gefühlsveränderungs- und Selbstmotivierungsmaßahmen so niemals hingekriegt hätten. Und das ist eine viel wertvolle Belohnung.

Literatur

Flower, L., & Hayes, J. R. (1981). A cognitive process theory of writing. College composition and communication, 32(4), 365–387.

Forgas, J. P. (2007). When sad is better than happy: Negative affect can improve the quality and evectiveness of persuasive messages and social influence strategies. Journal of Experimental Social Psychology, 43, 513–528. DOI: 10.1016/j.jesp.2006.05.006

Forgas, J. P. (2011). She just doesn’t look like a philosopher …? Affective influences on the halo effect in impression formation. European Journal of Social Psychology 41, 812–817. DOI: 10.1002/ejsp.842

Forgas, J. P., & East, R. (2008a). How Real is that Smile? Mood effects on accepting or rejecting the veracity of emotional facial expressions. Journal of Nonverbal Behavior, 32, 157–170. DOI: 10.1007/s10919-008-0050-1

Forgas, J. P., & East, R. (2008b). On being happy and gullible: Mood effects on skepticism and the detection of deception. Journal of Experimental Social Psychology, 44, 1362–1367. DOI: 10.1016/j.jesp.2008.04.010

Forgas, J. P., Goldenberg, L., & Unkelbach, C. (2009). Can bad weather improve your memory? An unobtrusive field study of natural mood effects on real-life memory. Journal of Experimental Social Psychology, 45(1), 254–257.  DOI: 10.1016/j.jesp.2008.08.014

Forgas, J. P., Laham, S. M., & Vargas, P. T. (2005). Mood effects on eyewitness memory: Affective influences on susceptibility to misinformation. Journal of Experimental Social Psychology, 41(6), 574–588. DOI: 10.1016/j.jesp.2004.11.005

Ulmi, M., Bürki, G., Verhein, A., & Marti, M. (2017). Textdiagnose und Schreibberatung. 2. Auflage. Opladen: Verlag Barbara Budrich.

Wood, J. V., Elaine Perunovic, W. Q., & Lee, J. W. (2009). Positive self-statements: Power for some, peril for others. Psychological Science, 20(7), 860–866. DOI: 10.1111/j.1467-9280.2009.02370.x

Bildnachweis

Pixabay (geralt)

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