„Wir“ in wissenschaftlichen Texten: Wer ist das eigentlich?

Wer einen wissenschaftlichen Text liest stellt sich oft die Frage: „Wer ist eigentlich wir?“ Oft verbergen sich hinter dem Wort „wir“ in wissenschaftlichen Texten einzelne Personen, die nicht wissen, wie sie das sprachliche Mittel der „Autorenrereferenz“ verwenden können. In diesem Artikel stelle ich Ihnen nicht nur die Autorenreferenz, sondern auch weitere Verwendungsmöglichkeiten des Wortes „wir“ in wissenschaftlichen Texten vor. Damit wir Bescheid wissen.

Wer ist "wir" in wissenschaftlichen Texten? Darum geht es in diesem Artikel. Im Bild: eine Gruppe junger Menschen

Nur wenige Wörter können uns so viel Kopfzerbrechen bereiten, wie das Wort „wir“ in wissenschaftlichen Texten. Oft lesen wir beispielsweise folgendes:

„In dieser Arbeit werden wir untersuchen, wie sich der Verzehr grünen Gemüses auf die Herzgesundheit von 40-jährigen Männern auswirkt. Dazu führten wir zwei Studien durch“ (fiktives Beispiel).

Und wir fragen uns:

Wer ist eigentlich wir?

Doch nicht nur beim Lesen bereitet uns das Wort „wir“ Schwierigkeiten, sondern auch beim Schreiben. Viele Texte schreiben nämlich wir alleine und aus unserer persönlichen Perspektive. Zum Beispiel persönliche Texte wie Tagebücher. Auch in fiktiven Texten ist der „Ich-Erzähler“ eine beliebte Erzählperspektive. Oder in Drehbüchern für Filme und Fernsehserien, zum Beispiel bei Sex and the City.

Doch wie ist das bei wissenschaftlichen Texten?

Das „Ich-Verbot“ in wissenschaftlichen Texten

Wissenschaftliche Texte sind kein Drehbuch für Sex and the City. Stattdessen gilt in wissenschaftlichen Texten ein sogenanntes „Ich-Verbot“ (Bünting, Bitterlich & Pospiech, 2002, S. 94). Zumindest im deutschsprachigen Raum. Andere Sprachgemeinschaften sind da nicht so streng, beispielsweise im englischsprachigen Raum.

Und das aus gutem Grund: Schließlich sollen wissenschaftliche Texte nur wenig von ihren Verfassern geprägt sein. Schreibende haben sich in wissenschaftlichen Texten zurückzuhalten, weil es um die Wissenschaft geht, und nicht sie als Akteure des Textes. Das unterscheidet wissenschaftliche Texte von anderen Textsorten.

Das wird auch als „Schaufensterscheiben-Stil“ bezeichnet (ebd.). Der Stil eines wissenschaftlichen Textes soll die Sicht auf die Dinge nicht verzerren. So wie eine frischgewischte Schaufensterscheibe eben. Und das geht nicht, wenn Sie in einem wissenschaftlichen Text das Wort „ich“ benutzen. Dann entsteht nämlich der Eindruck, dass es im Text um Sie gehen würde. Und nicht um Ihre Forschungsergebnisse.

„Ich-Verbot“ und soziale Realität beim Schreiben

Doch das Problem dabei ist folgendes: Oft schreiben wir alleine. Das gilt vor allem für bestimmte Textsorten im Studium, Haus- und Abschlussarbeiten. Die schreiben wir meistens alleine, als eigenständige Akteure. Und trotzdem müssen wir uns beim Schreiben auch auf uns selbst zurückbeziehen, die Gedankengänge aus unserer Sicht präsentieren und moderieren. Das ist unsere Rolle als Schreibende. Schließlich ist ein wissenschaftlicher Text kein Lexikonartikel, sondern hat auch eine bestimmte soziale und kommunikative Funktion.

Das ist widersprüchlich. Lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Und wenn ja, wie? Die Antwort in Kurzform: ja, und zwar mit einer wohlüberlegten „Autorenreferenz“.

Die Autorenreferenz

Für Otto Kurse (2007, S. 108) ist die Autorenreferenz ein sprachliches Mittel, mit dem Schreibende sich in ihrem Text auf sich selbst beziehen: ihre Meinungen, ihr theoretischer Hintergrund, ihr wissenschaftliches Vorgehen und ihre Forschungsergebnisse.

Und das bereitet vielen Schreibenden Schwierigkeiten. Vor allem Studierenden. Anstelle des Wortes „ich“ sollen sie sogenannte „indirekte Selbstadressierungen“ verwenden (Kruse & Chitez, 2014, S. 117). Das sind Formulierungen, mit denen Sie sich auf sich selbst beziehen können ohne das verbotene Wort „ich“ zu verwenden.

Kruse (2007, S. 108f.) nennt vier Möglichkeiten solcher indirekter Selbstadressierungen:

  • Passivwendungen: Sie verwenden statt aktiver Formulierungen passive: „Im ersten Abschnitt soll gezeigt werden“.
  • Das unpersönliche „es“: Statt „ich“ schreiben Sie einfach „es“: „Es ist anzunehmen, dass …“.
  • Das unpersönliche „man: Dasselbe wie oben, nur mit „man“ statt „es“: „Man vermutet schon seit geraumer Zeit, dass …“.
  • Deagentivierung: Sie eliminieren sich selbst als „Agenten“, also als handelnde Person des Satzes. Stattdessen personifizieren Sie das, worüber Sie berichten: „Die Faktorenanalyse ergab …“ oder „Das nächste Kapitel behandelt“.

All diese Möglichkeiten haben eins gemeinsam: Sie gelten bei vielen Textsorten als „schlechter Stil“ und sie sind auch nicht immer korrekt und präzise.

Zum Beispiel die „Deagentivierung“: Während eine Faktorenanalyse als statistisches Verfahren durchaus etwas ergeben kann, ist die Formulierung „Das nächste Kapitel behandelt …“ nicht nur unschön, sondern sogar falsch. Schließlich kann ein Kapitel nichts behandeln, das können nur Menschen, die Kapitel schreiben. Also Sie. Besser: „Im nächsten Kapitel geht es um …“. Am besten: Sie kündigen gar nicht erst an, worum es im nächsten Kapitel geht, sondern beginnen es einfach. Schließlich hat Ihr Kapitel eine aussagekräftige Überschrift.

Das Passiv gilt in vielen Textsorten als schlechter Stil. Aber in wissenschaftlichen Texten ist es oft unverzichtbar. Vor allem dann, wenn deutlich ein Vorgang oder ein Ergebnis im Vordergrund stehen und keine handelnden Menschen (Esselborn-Krumbiegel, 2014, S. 183). Ein Beispiel:

„Die Versuchspersonen wurden auf eine Diät gesetzt, in der sie 30 Tage lang drei Portionen grünes Gemüse aßen“.

Hier wird ein Vorgang beschrieben: die Durchführung eines Experimentes. Das Passiv ist hier also völlig in Ordnung. Es ist aber dann ungünstig, wenn Sie sich dahinter „verstecken“, es also als Mittel zur Autorenreferenz nutzen. Wenn Sie das zu oft machen, dann wirkt der Text künstlich und gestelzt.

Dasselbe gilt für unpersönliche Formulierungen mit „man“ oder „es“. Außerdem machen sie Ihren Text unpräzise. Und Präzision ist wichtig. Ein Beispiel:

„Es wird schon lange vermutet, dass grünes Gemüse positive Effekte auf die Herzgesundheit hat“.

Hier werden sogar zwei Möglichkeiten kombiniert: das unpersönliche „es“ und das Passiv. Das macht den Satz gleich doppelt unpräzise: Wer vermutet das? Sie? Andere? Sie und die anderen? Alle anderen außer Sie? Das sollten Sie unbedingt klarstellen. Zum Beispiel so:

„Viele Forscher vermuten seit langem, dass grünes Gemüse positive Effekte auf die Herzgesundheit hat“.

Das ist schon viel präziser: Sie nehmen direkt Bezug auf die Forschung.

Doch abseits dieser Möglichkeiten, gibt es Gelegenheiten, bei denen wir in wissenschaftlichen Texten trotzdem „wir“ schreiben können.

„Wir“ in wissenschaftlichen Texten: wann und wie?

Sie können auch weiterhin „wir“ in wissenschaftlichen Texten schreiben. Aber nicht immer. Und es ist auch nicht immer angemessen.

Bünting et al. (2002, S. 95) nennen zwei Verwendungsmöglichkeiten des Wortes „wir“ zur indirekten Selbstadressierung in wissenschaftlichen Texten:

  • Mehrere Schreibende bringen sich in Form von „wir“ in den Text ein. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn Sie den Text auch tatsächlich mit mehreren Personen gemeinsam schreiben oder zumindest mehrere Personen etwas zum Text beitragen.
  • Sie nutzen das „pädagogische Wir“: Sie schreiben „wir“, um alle Betroffenen direkt einzubeziehen. Das mache ich zum Beispiel in diesem Text, wenn ich „wir“ schreibe. Ich bin schließlich ebenso betroffen wie Sie.

Kruse (2007) nennt zwei weitere Verwendungsmöglichkeiten:

  • Der „Pluralis Majestatis“ oder auch: das „königliche Wir“: Sie schreiben zwar „wir“, meinen aber ausschließlich sich selbst. Doch das ist befremdlich und Sie sollten es lieber lassen. Zumindest raten wir Ihnen das (sehen Sie, wie seltsam das ist?).
  • Das „diskursive Wir“. Hierbei schreiben Sie „wir“ und meinen damit nicht nur sich selbst, sondern Ihre gesamte wissenschaftliche Disziplin oder zumindest alle Vertreter Ihrer Disziplin, die auch Ihrer Meinung sind. Das ist schön, denn Wissenschaft ist keine „One Man Show“, sondern ein soziales System, das auf Kommunikation basiert. Jedoch sind einige der Auffassung, das „diskursive Wir“ müsse man sich erst „verdienen“, beispielsweise durch einen Doktortitel. In einer Hausarbeit dürfte ein „diskursives Wir“ eher deplatziert oder gar anmaßend wirken, vor allem für einen alten und konservativen Professor.

Autorenreferenz: Was bleibt?

Sie sehen, es ist schwer, das sprachliche Mittel „Autorenreferenz“ so einzusetzen, dass Ihr Text korrekt und präzise ist. Aber Sie können es lernen. Wie? Kurzantwort: durch Lernen und Üben.

Lernen von Profis

Nehmen und studieren Sie veröffentlichte Texte von Profis, die schon einige wissenschaftlichen Texte geschrieben und veröffentlicht haben. Und zwar so viele wie möglich. Ja nachdem, was Sie studieren, müssen Sie nicht nur viel schreiben, sondern auch viel lesen. Und das aus gutem Grund . Sie haben also zahlreiche Gelegenheiten, von Profis zu lernen.

Dabei fragen Sie sich folgendes: Welche Mittel nutzen die Verfasser zur Autorenreferenz? Nutzen sie das Wort „wir“? Und wenn ja, wie? Dazu können Sie beispielsweise ein Lesetagebuch führen.

Lernen durch bewusstes Üben

Schreiben ist eine komplexe Tätigkeit, die wir nur dann lernen können, wenn wir bewusst üben. Das heißt zum einen: indem wir so viel schreiben wie möglich. Aber auch Rückmeldungen von anderen Menschen sind wichtig. Zum Beispiel im Rahmen eines Lektorats, einer Schreibberatung oder von Freunden und Mitstudierenden.

Ein Tipp zum Üben von Autorenreferenz: Nehmen Sie eine beliebige Textpassage und schreiben Sie mit allen Möglichkeiten der indirekten Selbstadressierungen, wenn dies möglich ist. Fangen Sie dabei ruhig mit „ich“ an:

  • Ich nehme an, dass grünes Gemüse gut für die Herzgesundheit ist.

  • Man nimmt an, dass grünes Gemüse gut für die Herzgesundheit ist.

  • Wir nehmen an, dass grünes Gemüse gut für die Herzgesundheit ist.

  • Die Forschung nimmt an, dass grünes Gemüse gut für die Herzgesundheit ist.

  • Zahlreiche Forscher nehmen an, dass grünes Gemüse Gut für die Herzgesundheit ist.

Und dann überlegen Sie: Welche Variante gefällt Ihnen am meisten? Welche klingt für Sie präzise und welche „wissenschaftlich“?

Vielleicht denken Sie beispielsweise, die Formulierung „Die Forschung nimmt an …“ unsinnig ist, weil die Forschung kein Mensch ist. Diese „Deagentivierung“ streichen Sie also wieder. Die Formulierung „Ich nehme an …“ gefällt Ihnen vielleicht und sie ist auch sinnvoll, aber vielleicht in einer anderen Textsorte besser aufgehoben. In einem Blogartikel zum Beispiel.

Textpassagen, die häufig Schwierigkeiten machen, sind Einleitungen von ganzen Arbeiten oder einzelnen Kapiteln. Das könnte so aussehen:

  • Die folgende Arbeit behandelt die positiven Effekte von grünem Gemüse auf die Herzgesundheit.

  • In der folgenden Arbeit behandeln wir die positiven Effekte von grünem Gemüse auf die Herzgesundheit.

  • Hat grünes Gemüse positive Effekte auf die Herzgesundheit? Diese Frage soll in der folgenden Arbeit beantwortet werden.

Und hier spielen Sie wieder das gleiche Spiel wie zuvor.

Es kann sogar Spaß machen, wenn Sie sich mit anderen zusammenschließen und gemeinsam Üben. Wenn Sie unter Ihren Mitstudierenden Freunde haben, können Sie mit ihnen eine Schreibgruppe gründen, gemeinsam an Ihren Schreibfähigkeiten arbeiten und danach das eine oder andere Bier trinken.

Fazit

Für die meisten wissenschaftlichen Texte im deutschsprachigen Raum gilt ein sogenanntes „Ich-Verbot“. Das liegt vor allem an der Funktion wissenschaftlicher Texte: Sie müssen weitgehend unabhängig von ihren Verfassern formuliert sein und dienen der Präsentation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dazu nutzen viele Personen das Wort „wir“ in wissenschaftlichen Texten. Doch das ist nicht immer angebracht.

Deshalb ist es wichtig, das sprachliche Mittel der „indirekten Selbstadressierung“ zu kennen und einzusetzen. Doch es ist schwer, sich in seinem Text auf diese Art und Weise korrekt und präzise auf sich selbst zu beziehen. Selbstadressierung kann aber gelernt werden. Und zwar durch das Lernen von Profis und bewusstes Üben.

Literatur

Bünting, K.-D., Bitterlich, A., & Pospiech, U. (2002). Schreiben im Studium: mit Erfolg. Ein Leitfaden. Berlin: Cornelsen

Esselborn-Krumbiegel, H. (2014). Von der Idee zum Text: Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Kruse, O. (2007). Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium. Frankfurt am Main: Campus

Kruse, O., & Chitez, M. (2014). Schreibkompetenz im Studium. Komponenten, Modelle und Assesment. In S. Dreyfürst, & N. Sennewald (Hrsg.), Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 107-126). Opladen: Verlag Barbara Budrich.