„Hätte“, „würde“, „sollte“: Der Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten

Es ist ein zentrales Merkmal wissenschaftlicher Texte, dass man Bezüge zu den Aussagen anderer herstellt. Deshalb ist der Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten wichtig. Doch viele Schreibende haben Schwierigkeiten mit dem Konjunktiv. In diesem Artikel beschreibe ich, wie Sie den Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten einsetzen können. Mit Würde, aber ohne „würde“.

Eine Anleitung zum Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten

Hand aufs Herz: Können Sie Konjunktiv? Wenn nicht, sind Sie in guter Gesellschaft. Der Konjunktiv bereitet vielen Probleme. Dabei ist er wichtig. Der Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten ist notwendig, um Bezug auf die Aussagen anderer  zu nehmen. Und zwar in Form von indirekter Rede.

In diesem Artikel geht es darum, wie Sie den Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten verwenden können. Außerdem gebe ich Ihnen ein paar Tipps zum Umgang mit der indirekten Rede. Zudem erfahren Sie, warum Sie zwar mit Würde, aber ohne „würde“ schreiben sollten.

Doch zuvor eine kurze Wiederholung von etwas, was Sie bereits im Deutschunterricht kennengelernt haben, dem

Modus von Verben

Jedes Verb kann mit dem sogenannten „Modus“ (Plural: Modi) ausgedrückt werden. Sie können beispielsweise ein Verb wie „lesen“ so ausdrücken, dass es sich um eine reale Tatsache, einen Wunsch oder eine Aufforderung handelt. Wenn Sie zum Beispiel schreiben: „Ich lese diesen Artikel“, dann drücken Sie aus, dass sie meinen Artikel tatsächlich lesen

Es gibt drei Modi: Infinitiv (Wirklichkeitsform), Konjunktiv (Möglichkeitsform) und Imperativ (Befehlsform). Beim Verb „lesen“ sieht das dann so aus:

  • Indikativ: „Ich lese den Artikel“
  • Konjunktiv: „Sie lese den Artikel“
  • Imperativ: „Lies den Artikel!“

In diesem Artikel werde ich mich ausschließlich mit dem Konjunktiv beschäftigen. Und wie Sie ihn in wissenschaftlichen Texten verwenden können.

Der Konjunktiv: wann, wo und wie?

Sie gebrauchen den Konjunktiv meistens dann, wenn Sie etwas nicht realitätsgetreu behaupten, sondern es als möglich oder wünschenswert darstellen. Sprich: dann, wenn etwas nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Außerdem nutzen Sie ihn, um fremde Äußerungen wiederzugeben.

Es gibt also drei Hauptgebrauchsweisen des Konjunktivs:

  • Ausdruck von Wünschen oder Handlungsanweisungen
    • Wenn ich nur diesen Artikel läse!

    • Man lese den Artikel.

  • Ausdruck von Vorstellungen
    • Wenn er diesen Artikel läse, dann verstünde er den Konjunktiv.

  • Ausdruck von fremden Äußerungen (indirekte Rede)
    • Sie sagt, sie lese den Artikel.

Und da sehen Sie schon einen Stolperstein des Konjunktivs: In den Beispielsätzen steht manchmal „lese“ und manchmal „läse“. Das liegt daran, dass es im Deutschen zwei Konjunktive gibt: Konjunktiv I und Konjunktiv II. Beide werden nach ihrer Bildung und Verwendung unterschieden.

Konjunktiv I

Den Konjunktiv I nutzen Sie vor allem in zwei Situationen:

  • Wenn Sie eine Handlungsanweisung geben:
    • „Um es zu verstehen, lese man diesen Artikel“.

  • Wenn Sie eine fremde Äußerung wiedergeben:
    • „Sie sagt, sie lese den Artikel noch“.

Sie sehen: All diese Varianten werden mit der Form „lese“ ausgedrückt. Und zwar, weil der Konjunktiv I von der Gegenwartsform eines Verbes gebildet wird.:

  • ich lese
  • du lesest
  • er, sie es lese
  • wir lesen
  • ihr leset
  • Sie lesen

Das ist noch recht einfach. Und das Tolle ist: In wissenschaftlichen Texten werden Sie in den meisten Fällen nur den Konjunktiv I benötigen. Das liegt daran, dass er die Form der indirekten Rede ist, und die brauchen Sie, wenn Sie sinngemäß zitieren.

Ein wenig komplizierter wird es beim Konjunktiv II.

Konjunktiv II

Den Konjunktiv II nutzen Sie in zwei Situationen:

  • Wenn Sie ausdrücken, dass etwas unmöglich ist:
    • „Wenn meine tote Oma diesen Artikel läse, …“

  • Wenn Sie ausdrücken, dass Sie sich etwas wünschen:
    • „Wenn sie nur diesen Artikel läse“.

Es geht also um völlig unmögliche oder eher unwahrscheinliche Situationen. Deshalb wird der Konjunktiv II auch als „Irrealis“ oder „Nicht-Wirklichkeitsform“ bezeichnet.

Der Konjunktiv II wird von der abgeschlossenen Vergangenheitsform eines Verbes gebildet, dem Präteritum.

Regelmäßige und unregelmäßige Verben im Konjunktiv II

Damit es noch komplizierter wird: Beim Konjunktiv II kommt es auch noch darauf an, ob ein Verb regelmäßig oder unregelmäßig ist.

Regelmäßige Verben

Bei regelmäßigen Verben, wie „lieben“ ist das noch ziemlich einfach:

Ich liebe => Ich liebte

Und hier im Überblick:

  • ich liebte
  • du liebtest
  • er, sie es liebte
  • wir liebten
  • ihr liebtet
  • Sie liebten

In diesem Sinne: Wenn Sie den Konjunktiv II liebten, dann liefe vieles leichter.

Unregelmäßige Verben

„Lesen“ ist beispielsweise in unregelmäßiges Verb. Das sieht dann so aus:

Ich las => Ich läse

Das „a“ wird zum „ä“, weil es einer der Stammvokale „a“, „o“ oder „u“ ist. Die werden im Konjunktiv II meistens zu „ä“, „ö“ und „ü“. So sieht das beispielsweise beim Verb „lesen“ aus:

  • lch läse
  • du läsest
  • er, sie es läse
  • wir läsen
  • ihr läset
  • Sie läsen

So wie immer gibt es aber auch hier Ausnahmen. Sonst wäre es ja langweilig. Bei manchen Verben wird ein anderer Umlaut verwendet. Zum Beispiel beim Verb „verstehen“:

Ich verstand => Ich verstünde

Da hilft ein Blick eine Verbtabelle. Am Ende des Artikels finden Sie einen Link zu einer solchen.

So viel zu den Grundlagen des Konjunktivs. Doch es gibt noch einige Feinheiten, die vor allem für den Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten wichtig sind. Denn:

Was ist, wenn Konjunktiv und Indikativ gleich klingen?

Es passiert oft, dass Konjunktiv I und Indikativ identisch sind. Dann können Unklarheiten und Missverständnisse bei der indirekten Rede auftreten. Ein Beispiel:

„Wenn Personen diesen Artikel lesen, dann verstehen sie den Konjunktiv“.

Ist das jetzt Indikativ oder Konjunktiv I? Beides klingt gleich. Und das kann problematisch werden, wenn dieser Satz ein indirektes Zitat sein soll. Und Unklarheiten und Missverständnisse sind Gift für einen wissenschaftlichen Text. Beides sollten Sie vermeiden, wenn Sie den Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten verwenden wollen.

In einem solchen Fall nutzen Sie in der indirekten Rede den Konjunktiv II:

„Wenn Personen diesen Artikel läsen, dann verstünden sie den Konjunktiv“.

Jetzt ist es besser, denn jetzt kann man Indikativ und Konjunktiv voneinander unterscheiden.

Und was ist mit „würde“?

Zugegeben, die Form „verstünde“ klingt für viele veraltet. Manche wissen noch nicht einmal, dass „verstünde“ die korrekte Form ist. Deshalb benutzten viele stattdessen „würde“:

„Wenn Personen diesen Artikel läsen, dann würden sie den Konjunktiv verstehen“.

Oder, noch schlimmer:

„Wenn Personen diesen Artikel lesen würden, dann würden sie den Konjunktiv verstehen“.

Das ist eine Anhäufung von „würde“, die stilistisch unschön ist. Und zwei Mal „würde“ ist erst der Anfang. Ich habe schon ganze Ketten voller „würde“ gesehen. Das sieht dann so aus:

„Maier (2013) schreibt, Schmidt (2010) würde meinen, dass 40-Jährige seltener an Herzinfarkten leiden würden, wenn sie häufiger grünes Gemüse essen würden“ (fiktives Beispiel).

Das ist gleich vier Mal „würde“ in einem Satz! Deshalb gilt:

Die Würde des Textes ist unantastbar, das „würde“ im Text schon.

Wenn wir sprechen, dann bilden wir den Konjunktiv II oft mit „würde“. Und das ist auch in Ordnung so. In der Schriftsprache ist es aber wichtig, klare Regeln einzuhalten, vor allem in wissenschaftlichen Texten. Und zwar, um keine Verwirrung zu stiften.

Dafür gibt nur wenige Ausnahmen, zum Beispiel Prosatexte. Da kann man gerne Verwirrung stiften, wie man will. Das ist dann ein stilistisches Mittel.

Die indirekte Rede und der Modus

Kurz vor Schluss gebe ich Ihnen noch ein paar Tipps. Und zwar, wie sie welchen Modus in der indirekten Rede verwenden können (nach Bünting et al., 2002, S. 76):

  • Indikativ: Sie können eine Aussage auch im Indikativ wiedergeben. Wenn Sie das machen, können Sie ausdrücken, dass Sie der Aussage zustimmen.
    • Beispiel: „Meier (2013) schreibt, dass grünes Gemüse gesund ist“.

  • Konjunktiv I: Wenn Sie eine Aussage im Konjunktiv I wiedergeben, drücken Sie Ihre Neutralität aus. Sie geben die Aussage einer Quelle wieder.
    • Beispiel: „Meier (2013) schreibt, dass grünes Gemüse gesund sei“.

  • Konjunktiv II: Sie können Distanz und Skepsis gegenüber der Aussage ausdrücken, wenn Sie den Konjunktiv II benutzen, obwohl Konjunktiv I und Indikativ nicht identisch sind (s.o.).
    • Beispiel: „Meier (2013) schreibt, dass grünes Gemüse gesund wäre“.

Den Imperativ werden Sie in wissenschaftlichen Texten übrigens so gut wie nie benutzen. Es sei denn, Sie zitieren etwas wortwörtlich, zum Beispiel einen Auszug aus einem Prosatext, den Sie analysieren oder einem Interview, wenn Sie mit qualitativen Forschungsmethoden arbeiten.

Sie sehen, indirekte Rede kann auf vielfältige Art und Weise umgesetzt werden. Und das nur, indem Sie ein einziges Wort anders schreiben. Ist das nicht faszinierend?

Der Konjunktiv in wissenschaftlichen Texten – Fazit

In wissenschaftlichen Texten werden Sie um den Konjunktiv nicht herumkommen. Das liegt daran, dass Sie in einem wissenschaftlichen Text auch Bezug auf die Aussagen anderer Personen nehmen werden und sollen. Solche Aussagen können Sie in der indirekten Rede wiedergeben. Dafür wird meistens der Konjunktiv I verwendet.

Viele umschreiben den Konjunktiv mit dem Wort „würde“. Obwohl das in gesprochener Umgangssprache in Ordnung ist, kann es in Texten zu Verwirrung führen. Schreiben Sie also stets mit Würde, aber ohne „würde“.

Link

Wenn Sie nicht wissen, wie Sie zu einem unregelmäßigen Verb den Konjunktiv bilden können, eignet sich ein Blick in eine Verbtabelle.

So eine finden Sie beispielsweise bei cactus 2000.

Literatur

Bünting, K.-D., Bitterlich, A., & Pospiech, U. (2002). Schreiben im Studium: mit Erfolg. Ein Leitfaden. Berlin: Cornelsen.

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